Das Hochstapler-Syndrom und Ich.

Manchmal wache ich morgens schweißgebadet auf und habe Angst, dass mir jemand über Nacht mein Abitur aberkannt hat. In der Nacht zuvor hatte ich dann meist einen Albtraum, der immer gleich abläuft. Alles ist schwarz-weiß und ich sitze vor einer fünfköpfigen Kommission, die mich hochnotpeinlich darüber befragt, wie die Vorbereitung für meine mündliche Abiturprüfung im Fach Geschichte abgelaufen ist. Ich breche dann unter dem Druck zusammen und gestehe unter Tränen, dass ich auf der 45-minütigen Busfahrt zum Gymnasium dreimal meinen Geschichtshefter durchgeblättert habe und mir dann das Datum des Röhmputschs für den Fall gemerkt habe, dass alle Stricke reißen und ich das Prüfungskomitee auf eine emotionale Reise ins Jahr 1934 mitnehmen muss, um von meiner Schwäche im Auswendiglernen abzulenken. 
Dann treten aus dem Halbdunkel eine Handvoll Nonnen und fügen mir Papierschnitte zwischen Daumen und Zeigefinger zu und dann wache ich einfach auf. In solchen Momenten bin ich mir eigentlich sehr sicher, dass es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis endlich auffliegt, was ich schon lange weiß. Nämlich, dass ich eine Hochstaplerin bin, die ganz zu Unrecht einem Talent verdächtigt wird, dass sie gar nicht besitzt. 
Auch, wenn ich von mir selbst nicht sagen würde, dass ich im Laufe meines Lebens schon Herausragendes erreicht hätte, habe ich trotzdem immer wieder das Gefühl, das, was ich erreicht habe, nicht zu verdienen. Und weil ich im Ergründen meiner Schwächen so wunderbar unnachgiebig bin, habe ich natürlich ausgiebig recherchiert, was da genau mit meinem Gehirn so falsch läuft. 
Hier nun das Ergebnis. Die gute Nachricht zuerst: Es gibt ein zwar umstrittenes, aber trotzdem beschriebenes psychologisches Phänomen zu meinem Gefühl. Yeay! 
Nachdem wir nun dank meiner herausragenden Fähigkeiten in Sachen Selbstsabotage herausgefunden haben, dass nicht nur ich betroffen bin, sondern offensichtlich eine Menge Menschen das Gefühl haben, Hochstapler und Mogelpackungen zu sein, hat das Kind auch einen Namen. Impostor-Syndrom. Die schlechte Nachricht für berühmte Persönlichkeiten, mit messbaren Erfolgen, die ebenfalls von dieser Angst befallen werden, wäre dann wohl, dass sie mit ihren Sorgen nichts Besonderes sind, weil ja ich, das 0815-Girl, genau das Gleiche fühle. Schon schräg irgendwie. 
Ausgesprochen gut gefällt mir, dass der Wikipedia-Eintrag zum Hochstapler-Syndrom, wie es auch genannt wird, mit dem Satz „Die Existenz dieses Syndroms ist umstritten“ abschließt. Richtig lustig. Um das Imposter-Syndrom meinerseits zu bekämpfen, könnte ich also diesen Blogpost dazu verwenden, um das Impostor-Syndrom zu belegen. Oh, brave new World. Das wäre dann auch wirklich das erste Mal, dass ein Einzelnachweis unter einem Wikipedia-Artikel mal wirklich hilfreich wäre.
Natürlich bereichert das niemanden im Anerkennen und/oder Selbstrechtfertigen seiner Arbeit, aber der Wikipedia-Artikel zum Impostor-Syndrom ist einfach viel zu unterhaltsam, um sich nicht einzubilden, dass man selbst auch von diesem Wunderwerk eines psychologischen Phänomens befallen wäre. Ich möchte auch noch anmerken, dass ich an diesem Punkt fast traurig darüber bin, nicht nachvollziehen zu können, wer der Autor dieses Glanzstücks war, denn wenn ich mehr solcher Artikel in der Wikipedia lesen könnte, hätte ich wirklich nichts mehr dagegen alle fünf Minuten von halbbettelnden Spendenaufrufen vom Arbeiten abgehalten zu werden. Unter der Kategorie Therapie rät dieser Enzyklopädie-Diamant selbstbewusst: „Die effektivste Therapie zur Überwindung des Hochstapler-Syndroms ist zu erkennen, dass es existiert.“ Ich glaube es gab selten einen passenderen Moment für einen Mic Drop. 

Eins ist sicher: Auch wenn ich bestimmt weiterhin von mir selbst glauben werde, dass alles, was ich bis jetzt erreicht habe und hoffentlich noch erreichen werde, entweder nur Glück, dem Zufall oder der Überschätzung meiner Fähigkeiten durch Andere geschuldet ist, werde ich ab jetzt immer an diesen Tag zurückdenken. Nämlich als den Tag, an dem ich den besten Wikipedia-Artikel aller Zeiten gelesen habe. Dieser Artikel hält nämlich zur Abwechslung mal, was er verspricht. 

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