Deswegen können wir lange darauf warten, dass Selbstliebe viral geht

Gutes Vorbild sein liegt mir weiß Gott nicht nah. Eigentlich liegt mir sogar nichts ferner. Ich bin weder normschön, noch stecke ich andere Leute mit meiner guten Laune an. Und wenn es darum geht, dass Glückskekssprüche dazu raten sich mit Menschen zu umgeben, die dir ein positives Gefühl verleihen und gleichzeitig Inspirationsquelle sind, bin ich die Letzte, die du gerne in deinem Freundeskreis hättest. Ich bin oft diffus schlecht gelaunt und lästere gerne über Dinge, die es eigentlich nicht wert wären, darüber auch nur einen Gedanken zu verschwenden. Eine Sache treibt mich aber immer wieder um: Ich habe Laster und meine schlechten Charakterzüge sind mir viel klarer bewusst als alle Komplimente, die ich jemals bekommen habe, trotzdem oder gerade deswegen möchte ich mich selbst lieben. Sich für seine eigenen Stärken irgendwie gut zu finden, ist so schön einfach, aber nach wahrer Liebe fühlt sich das für mich nicht an. Eher nach Selbstbetrug. Ich arbeite jeden Tag so hart an meiner eigenen Demontage, dass die meiner Meinung nach auch Beachtung finden sollte. Das ist zwar keine lobenswerte Leistung von mir selbst, aber immerhin stecke ich da jede Menge Aufwand und Energie hinein und mein Charakter ist davon natürlich genauso geprägt, wie von anderen Umwelteinflüssen. 
Versteht mich bitte nicht falsch: Ich möchte unter keinen Umständen klingen wie ein Selbsthilfebuch mit dezent verspieltem Aquarellcover, aber wenn es um den Prozess der Selbstakzeptanz geht, dann mach ich lieber keine halben Sachen. Dann will ich radikal sein und nichts vergessen, sonst bin ich am Ende tatsächlich noch so dumm, wie mir meine Selbstzweifel einreden und meine Angst davor irgendwann doch einmal als Hochstaplerin entlarvt zu werden, wird einfach wahr, weil ich nicht ehrlich genug mit meiner Selbstliebe war. Schlimm genug, dass mein Gehirn jeden Tag aufs Neue versucht mich davon zu überzeugen, dass alles, was ich bin nur auf meiner Leistung und objektiv messbaren Erfolgen, oder dem was ich dafür halte, beruht. Diese Art von Gewalt gegen mich selbst ist so wunderschön einfach und bedarf nur minimaler Anstrengung. Da passt der Selbstbetrug an meiner Wertschätzung noch schön ins Regal daneben. Bei Amazon gibt es ja auch eine Menge zum Thema Selbstliebe. Wenn man dann eine Weile scrollt, macht der gesponserte Content ganz klar, in welche Richtung es geht: Schlank mit Low Carb. Eine 28-Tage-Selbstliebe-Diät.  Schönen Dank für nichts. 
Deswegen können wir lange darauf warten, dass Selbstliebe viral geht. Wird aber nicht passieren, höchstens um Werbung zu schalten. Ist nämlich leider harte Arbeit, da hilft auch kein Merchendise. Leider nicht so geil medienwirksam jeden Tag wieder zu versuchen zu erkennen, dass man vielleicht auf gar keinen Fall perfekt ist, nicht schön und auch nicht angenehm und hilft einem auch nicht dabei sich sofort besser zu fühlen, aber die Erkenntnis, dass das alles schon okay ist und dass man auch mal einfach sein darf, ohne sich ständig selbst zu gängeln oder sich verbessern zu wollen, ist das alles dann doch wert. Wie am Ende von Fight Club löst es nämlich auch von Zeit zu Zeit eine seltsame Befriedigung in mir aus, einfach mal kurz innezuhalten und alles, was da so in mir selbst in Flammen steht, zu betrachten, als das, was es nur ist: ein komplexes Chaos. Nicht weniger, aber eben auch nicht mehr. Es mag zwar verbesserungswürdig sein, hat aber auch was Schönes, schätze ich. 

Wenn ich also in keinerlei Hinsicht ein gutes Vorbild sein kann, dann möchte ich wenigstens das vorleben, was ich selbst über Selbstfürsorge und -liebe gelernt habe: Manchmal sind es besonders die kleinen Dinge, die einem ein gutes Gefühl geben und am Ende kosten die nicht mal Versandgebühren. Regelmäßig essen, trinken und Medikamente nehmen, hilft manchmal schon mehr als man denkt. Alles, was sonst angespannt ist, entspannen tut gut, auch wenn es nur ein paar Minuten am Tag klappt. Für mich vielleicht das Wichtigste, wenn auch das Härteste, unter den ganz einfachen Dingen:  Einfach mal auf die Menschen hören, die es gut mit mir meinen. Die entdecken nämlich sogar Liebenswertes, von dem man nie geahnt hätte, dass es da ist. 

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