Eigentlich wollte ich heute gar keinen Text schreiben.

Eigentlich wollte ich heute gar keinen Text schreiben. Denn abgesehen davon, dass ich mir selbst eine Sommerpause ausgedacht habe, um so zu tun, als wäre ich relevant genug, um von meinem Hobby eine Pause zu brauchen, bin ich gerade nicht imstande irgendwas zu schreiben. Das könnte einerseits damit zusammenhängen, dass ich stündlich dümmer werde, weil ich einfach viel zu selten meine Wohnung verlasse, um mit anderen Menschen sozial zu interagieren. Das strengt mich an und langweilt mich gleichzeitig, also lasse ich es. Zum Anderen könnte es aber auch sein, dass ich wahnsinnig wütend bin. Ich bin so wütend, dass ich regelrecht gelähmt davon bin. Und das regt mich erst richtig auf!

 Also sollte ich es wahrscheinlich einfach lassen, habe ich mir so gedacht. Die handvoll Leute, die regelmäßig meine Texte lesen, haben sicher nichts dagegen, habe ich mir so gedacht. Die haben eh mit sich selbst genug zu tun. Da muss ich ihnen meine Gefühle nicht noch in den Hals stopfen. Jetzt ist aber die Sommerpause zu Ende und ich werde trotzdem immer wütender und das macht mich immer machtloser. Und deswegen schreibe ich heute unter Schmerzen diesen Text. 

Wirklich viele Sachen sind für mich schmerzhaft, vielleicht sogar Dinge, die für andere Leute überhaupt keine Hürde darstellen. Deswegen habe ich auch schon jahrelange Erfahrung im Schmerzbusiness. Ich kenne sie alle, die großen und kleinen Panikattacken, die Zweifel an sich selbst und an den Anderen. Bislang war allerdings der Endgegner mein eigener Kopf. Inzwischen weiß ich aber, dass ein menschenfeindliches Klima in meiner Umgebung direkte Auswirkungen auf mich hat. Und jetzt fühle ich mich wie dieses eine Kind, das jeder aus der Grundschule kennt. Das Opferkind schlechthin, dass ständig drangsaliert und gemobbt wird, solange bis das arme Kind dann schon vor Wut und Hilflosigkeit anfängt zu weinen, wenn man nur nach einem Stift fragt. Ziemlich ätzend und echt peinlich. Zwar nicht für das Opferkind, denn verantwortlich sind seine Peiniger, aber die Auswirkungen bleiben trotzdem am dicken Malte aus der 4a hängen und ziehen ihn runter. Je suis dicker Malte aus der 4a (Grüße!)!
Gab es vor der Bundestagswahl noch die blumige Option sich in seine duftige Filterbubble zu flüchten und wenigstens dort noch Ruhe, Bestätigung und Cat Content zu finden, habe ich jetzt nur noch die Hoffnung, dass mein dermaßen erhöhtes Wutlevel nicht zum Normalzustand verkommt, sonst helfen nur noch Betablocker und Johanneskraut, um die Mutti ruhigzustellen. 
Selten ist mir ein höheres Maß an Misogynie entgegengeschlagen als dieser Tage und es ist fast unerträglich. Mein erster Reflex ist dann natürlich mich selbst zu hinterfragen. Bin ich vielleicht zu sensibel oder zu spitzfindig? Provoziere ich mit meinem Verhalten oder meiner schieren Existenz Menschen so sehr, dass sie sich zu offenem Frauenhass hinreißen lassen? 
Nein, das kann und darf nicht sein. Es ist einfach nicht normal, dass ich in die U-Bahn steige und dann von einem fremden Mann heimlich gefilmt werde, als wäre ich ein Tier in freier Wildbahn. Auf freizugänglichen Pornoseiten gibt es Hunderte dieser Videos. Ahnungslose Frauen, die auf dem Weg zur Arbeit gefilmt werden. Es ist auch nicht normal, sich ständig wehren zu müssen gegen im besten Falle gedankenlose Aussagen von ignoranten Sexisten, egal ob Mann oder Frau. Ich will niemanden darüber belehren müssen, dass Frauen nicht gerne ungefragt angefasst werden und mir fehlt komplett das Verständnis, wenn Männer nicht verstehen wollen, dass manche Komplimente in aller Ohren eher nach sexueller Belästigung klingen sollten. Waren wir nicht eigentlich schon mal weiter gekommen? 
Ich diskutiere nicht über meine Menschenrechte und ich find es auch nicht lächerlich dafür einzutreten, denn verdienen muss ich sie mir nicht. Ganz ehrlich: Ich habe echt schon genug damit zu tun bei all der strukturellen Benachteiligung von Frauen im Alltag nicht unters Rad zu kommen, da hab ich wirklich keine Lust mehr all das, was die Frauen vor uns für alle hart erkämpft haben, den Faschisten im Bundestag auf einem Silbertablett zu überreichen, indem ich das alles still über mich ergehen lasse. Mach ich nicht, sehe ich nämlich einfach nicht ein. Weil das alles nicht normal ist, kämpfe ich für mein Recht, auch wenn ich währenddessen tausendmal hysterische Kampflesbe genannt werde. Ist mir egal, davon lasse ich mich nicht lähmen. Den Schmerz kenn ich schon, den halt ich aus. 


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