Die Hölle ist ein Wartezimmer


Ich genieße die Vorteile meiner teilweisen Frühvergreisung ja wirklich in vollen Zügen, aber mit einer unumgänglichen Erfahrung kann ich tatsächlich keinen Frieden schließen, so redlich ich mich auch bemühe. Das Arztwartezimmer ist mein Endgegner und soweit ich es überblicken kann, ein miefender Nichtort, an dem alle gleich sind und einige gleicher. Eigentlich ist es im Wartezimmer immer ein bisschen wie in Animal Farm von Orwell. 
Es herrscht eine dystopische Fabelstimmung, die auf alle Anwesenden zu gleichen Teilen bedrückend und (ich bin relativ sicher, dass das folgende Fremdwort für diese Art von Raum erfunden wurde) aggravierend wirkt. Keiner will da sein und alle hassen warten über alles. Aber alle müssen da durch, um an Krankschreibungen, Rezepte und kostbare Facharztüberweisungen zu kommen. Eigentlich der ideale Ort für ein Realityformat, wenn es nicht so ekelhaft wäre. Zu den Pros in diesem Feld wird man allein durch Alter oder Stamina. Aber zwischen all den Rentnern, die entweder entsetzlich schlecht gelaunt nicht aufhören können zu husten, weil niemand jemals ein Fenster in diesem Höllenloch geöffnet hat oder einfach nicht ihre faserige Schnute halten wollen, weil hier das Socialgame für sie einfach nicht besser sein könnte, verstecken sich einzelne Hypochonder, die nach dem Motto „Schleimhäute zu und durch“ tapfer die Stellung halten. Und das alles nur für den gelben Schein zum Glück. 
Wer nicht schon krank ist, wird es garantiert in diesem Raum. Hier wo Hass und Missgunst schwelen, immer wieder angefeuert durch neue Patienten, die in der Gunst der Anwesenden dadurch steigen können, dass sie sich eine halblaute Begrüßung abringen, dann aber ihr gesamtes Wartezimmergame wieder zerstören, indem sie zuletzt kamen und als Erstes aufgerufen werden. Akute Fälle brauchen keinen Termin, akute Fälle müssen zusehen, dass sie einen direkten Weg zum Ausgang finden, nachdem sie das Behandlungszimmer verlassen haben, denn einzelne verzweifelte Rentner machen sich schon bereit mit Teilen der Lesezirkel-Bunten um sich zu werfen. 
Frustabbau ist im Wartezimmer sowieso ein großes Thema. Zum Glück leben wir ja in Passivaggressivistan, im Land der unverschämten Möglichkeiten, wo einer dem anderen nicht mal die Gürtelrose gönnt, wenn das bedeutet, dass man selbst länger auf einem unbequemen Plastikstuhl sitzen muss, der bei jeder Bewegung unangenehm quietscht.  Wenig Ablenkung bietet da nur eine vergilbte Ausgabe des Stern vom vergangenen Jahr, die trostlos auf dem verstaubten Glastisch in der Mitte des Raums liegt. Wem also an seinem physischen und psychischem Wohl gelegen ist, starrt auf den Boden und versucht nicht durch Gestöhne, Geschniefe oder Husten negativ aufzufallen. 
Die unumstrittene Klimax des Wartezimmerfeelings ist dann erreicht, wenn keiner mehr daran glaubt, dass hinter der Tür des Behandlungszimmers überhaupt jemand sitzt, der darauf wartet Patienten zu behandeln. Wenn dann auch das letzte Raucherbein alle Hoffnung auf eine fachgerechte Behandlung hat fahren lassen, öffnet sich dann endlich die Tür des Arztzimmers einen Spalt weit und ein zartes Stimmchen ruft einen unverständlichen Nachnamen aus. Die Wartenden starren sich dann kurz ratlos an und dann erheben sich gleichzeitig zwei Männer und eine Frau, die absolut sicher sind, gerade ihren Familiennamen gehört zu haben. Wahrscheinlich wird auch dieser Konflikt auf gute deutsche Art (durch Nörgeln, stimmhaftes Ausatmen und Augenverdrehen) zeitnah gelöst werden können. Wir haben ja schließlich alle überhaupt keine Zeit. Dann hat alles endlich wieder seine Ordnung im Wartezimmer. Die verbleibenden Wartenden verfallen nach diesem kurzen Aufflackern von Lebenskraft in ihren Augen wieder in eine Mischung aus Resignation und Selbstmitleid. Viele starren auf ihre Telefone. Natürlich hat einer seine Tastentöne angelassen und schreibt eine schmerzlich lange Textnachricht in die angespannte Stille. 
In den Augen der anderen Wartenden kann man dann ganz deutlich ihren geistigen Zustand erkennen: Nicht-Wahrhaben-Wollen, Zorn, Verhandeln, Depression und letztendlich Akzeptanz. Zumindest bis die Tür zum Behandlungszimmer wieder aufgeht. 

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