Von der Angst das Falsche zu sagen

Wenn mich jemand fragt, ob ich generell eine ängstliche Person bin, dann würde ich gerne aufspringen und schreien: Hell Yeah! Ich habe kein Problem das zuzugeben und kann dazu stehen. Meine Angst kommt in vielen Formen und Farben. Von Höhenangst bis zu sozialen Ängsten ist alles dabei. Für mich ist das kein Problem. Für andere aber schon. Ich war schon als Kind ängstlich und schüchtern, ich kenne es nicht anders und ich finde Wege mit all meinen Ängsten manchmal angemessen, manchmal nicht ganz angemessen, umzugehen. Will sagen: Been there, done that. 

Eine Angst, die offensichtlich viele Menschen schmerzlich betrifft, kann ich aber beim besten Willen und Verständnis für alle Hasenfüße dieser Welt nicht nachvollziehen: Die Angst davor etwas Falsches zu sagen. Offensichtlich gibt es jede Menge Menschen, die im Umgang mit Freunden oder Verwandten lieber den Mund halten, wenn sie nicht wissen, welche Reaktion in einer Lebenskrise oder einer schwierigen Alltagssituation angebracht wäre. 
Was ist denn da bloß los? Kann die Angst sich zu blamieren oder davor etwas nicht Angemessenes zu sagen so groß sein, dass man sich letztendlich dafür entscheidet,lieber gar nichts zu sagen? Offensichtlich ja und das auch nicht gerade selten. 

Der Weg des geringsten Widerstands ist immer schön sonnig und anzunehmen, dass jemand, der sich in einer persönlichen Krise befindet, nicht darüber reden möchte, was sein Leben aus den Fugen geraten lässt, ist in meinen Augen eine feige Entscheidung für beide Parteien. Ablenkung schön und gut. Wenn aber die Mutter, der beste Freund oder eine wichtige Bezugsperson stirbt, dann gibt es kein Regelbuch. Der goldene Leitfaden für den Umgang mit unangenehmen Diagnosen oder unerwarteten Lebensumständen muss leider auch erst noch geschrieben werden. Sicher ist für mich, dass das Ignorieren von Krisen es so viel schwerer macht, als es eh schon ist. Statt neu erlerntem Verhalten wartet nur noch mehr Schmerz, der sich mit Scham mischt. Wenn niemand darüber reden möchte, dann tun wir’s doch auch nicht gerne, oder? 

Alles was uns betrifft, ist offen und frei zugänglich, alles wird gepostet und geteilt, solange es schön glänzt und mit einem passenden Filter versehen werden kann. Dann halten wir uns mit Meinung und Kommentaren nicht zurück. Nun ja, auf Trauer, Schmerz und Verzweiflung trifft das leider nicht zu. Müssen wir diese Dinge deswegen wirklich aus unserem Umgang streichen? Zum Zahnarzt geht schließlich auch niemand gerne und trotzdem wissen wir, dass alles nur noch schlimmer wird, wenn wir alle Anzeichen ignorieren. 

Nicht nur ich fühle mich schlecht, wenn ich vielleicht sogar aus Angst mein Gegenüber noch mehr zu verletzten, sprachlos bleibe. Auch meinem Gegenüber bürde ich damit auf, nicht nur mit seiner persönlichen Tragödie umgehen zu müssen, sondern auch noch mit deren Außenwirkung und deren Rezeption. Es gibt wirklich genug, worum man sich in einer emotionalen Ausnahmesituation kümmern muss, da sollte die eigenen wahren Gefühle verstecken, damit man sein Gegenüber nicht in eine unangenehme Situation bringt, nicht dazu gehören. 

Die Angst etwas Falsches zu sagen, genau wie die Angst dumm dazustehen, sich zu blamieren oder mit Anteilnahme vielleicht genau das Gegenteil zu bewirken, entstehen im Kopf. Und genau da beginnt ein bewusster Prozess für jeden von uns. Denn abgesehen von der Frage, wie ich selbst in einer solchen Situation von mir nahestehenden Menschen oder auch nur von Bekannten behandelt werden will, sollte sich doch jeder darüber bewusst sein, dass eine einfache Frage das Eis bricht. Auch wenn es nur die Frage danach ist, ob das Gegenüber überhaupt darüber sprechen will. Wer das macht, merkt: Plötzlich verändern sich die Druckverhältnisse im Raum und niemand muss sich mehr verstecken mit seiner Angst. Egal wie die Antwort ausfällt, es ist ein erster Schritt. 

Ich bin davon überzeugt, dass das einzig Falsche, was man sagen kann, nichts ist. Offenheit macht nämlich schön und viel schneller wieder gesund. Nicht reden ist die einzige Blamage, die man fürchten sollte. Und wenn wir gerade schon bei Offenheit und Ausnahmezuständen sind: Geht doch einfach mal wieder zum Zahnarzt! 


Kommentare

Beliebte Posts