Morgen Kinder wird's Sodbrennen geben.

Die gute Nachricht ist: Die Tage werden wieder länger und trotz all der kleinen und unfassbar massiven Katastrophen, die uns im vergangenen Jahr getroffen haben, stehen wir noch. Ziemlich respektables Ergebnis. Auch wenn sich 2016 teilweise wie eine nicht enden wollende Episode von Takeshi’s Castle angefühlt hat, verlassen wir nun langsam und hyperventilierend die ausgehende Winterdepression und starten voller übertriebenem Aktionismus in die nächsten zwei Wochen voller Nervenzusammenbrüche, Sodbrennen und politisch unkorrekter Familiendiskussionen unter dem Weihnachtsbaum. Dabei sieht in der Werbung alles immer so entspannt aus. 

Wenigstens laufen wir sehenden Auges in unser alljährliches Verderben und wenn nichts mehr geht, kommt die Weisheit meiner Großmutter zum Tragen: Wenn die Lichter an sind, geht’s eigentlich! 

Es folgen 72 Stunden des ungewollten Ausnahmezustands. Menschen wie ich, die sich gerne zu jeder Jahreszeit vor ihren Mitmenschen verstecken, werden wie Laborratten in ein Umfeld voller übersteigerten Erwartungen und alkoholgeschwängerter Emotionen geworfen. In den letzten zwei Wochen gibt selbst dieses schrecklich zähe Jahr noch einmal alles, um auch den letzten Optimisten zu brechen.

Wir praktizierenden Christen haben an Weihnachten eh viel zu viel um die Ohren, als dass wir uns ausgiebig beschweren könnten, damit alle Casual-Kirchengänger das jährliche Spektakel auch wie erwartet genießen können und dann all ihren Freunden davon erzählen können wie wichtig Traditionen sind. Unser Moment ist dann im Gottesdienst gekommen, wenn wir überlegen und extralaut das Vater Unser beten, während die Gelegenheitskirchbesucher unverständliche Wortfetzen vor sich hin murmeln. Nicht besonders christlich, ich weiß, aber wann kommt man als 0815-Christ schon mal dazu seine außergewöhnlichen Skills unter Beweis zu stellen?

Nach gefühlten acht Stunden Gottesdienst-Hopping mit und ohne Chor, Blasorchester und Wangengekneife von allen Seiten, findet sich die gesamte Familie dann wieder im heimischen Winterwunderland ein, um zur späten Stunde noch all die köstlichen Leckereien zu verzehren, die Mutter im Schweiße ihres Angesichts seit Tagen vorbereitet. No pressure! Hier kann der geübte Beobachter schon den Brandbeschleuniger erkennen, der die gute alte Holzpyramide aus dem Erzgebirge metaphorisch schnell in Flammen aufgehen lassen könnte. Also bitte nicht die Komplimente für Mutti vergessen, sonst wird’s ungemütlich. 

Wie jedes Jahr stehen dazu auch schon die harten Geschütze bereit, die man besser nicht unvorbereitet zu sich nimmt: Glühwein vom Discounter um die Ecke, nur fürs Feeling, versteht sich. Mmmh, wer also schon das ganze Jahr über versucht hat endlich billigen Alkohol mit Zucker in nicht-homöopathischen Dosen zu mischen und es einfach nicht geschafft hat: Jetzt ist endlich eure Zeit gekommen! Payback Time. Zucker und Alkohol: Der Nährboden der westlichen Zivilisation. Einfach herrlich, wer hier nicht in Weihnachtsstimmung kommt, ist einfach kein guter Mensch! 

Und während wir alle in unseren schönsten Jogginghosen um die hell beleuchteten Plastikweihnachtsbäume torkeln und ununterbrochen kiloweise Dominosteine in uns hineinstopfen, um das große Loch in unserem Inneren wenigstens zeitweise zu füllen, weint unsere Bauchspeicheldrüse leise und Mutti trinkt in der Küche heimlich den viel zu süßen Portwein, der eigentlich zum Kochen noch zu widerlich ist. Aber sonst läuft’s eigentlich ganz gut. 

Aber jetzt mal ehrlich: Wir haben es doch vorher gewusst. Heimlich und verstohlen freuen wir uns auch ein bisschen, wenn wir auf dem Weg in die Heimat sind und fragen uns, was für seltsame Dramödien die Weihnachtsfeiertage wohl dieses Jahr für uns bereithalten. Das ist auch gut so. Sonst wär’s langweilig, das ist es ja wirklich selten und zu twittern hätten wir auch nichts. Es ist ja auch nicht alles schlecht. Schließlich dürfen wir sorglos in unseren alten Kinderzimmern schlafen und uns ungestraft der Völlerei hingeben. Vielleicht ist der Lack schon ein bisschen abgeplatzt in unserem Winterwunderland, aber dann wird’s doch erst richtig lustig. 


Ich wünsche euch jederzeit einen Schluck Wodka in eurem Ginger Ale und ein paar schöne Tage.  

Kommentare

  1. Meine Nicht, die im nächsten Jahr zur Erstkommunion gehen wird, sagte neulich nach dem Gottesdienst zu mir: "Du singst so laut, voll peinlich!" �� Ich singe halt gerne und in einer Kirche singen nur noch wenige mit. Oder singe ich so laut, damit ich den Gelegenheitschristen mal zeigen kann,...
    Auch Weihnachten hat sich verändert. Sogar Traditionen, der Abschied war nicht ganz einfach, aber mein Weihnachten wurde ehrlicher. Der Lack ist schon länger ab. Die Begegnungen und nicht das Essen oder Geschenke stehen nun im Vordergrund. Vielleicht weil meine "Alten" in einem Alter sind, in dem die Endlichkeit an die Türe klopft und uns das kostbare Geschenk der Zeit bewusst wird. Es ist eine Heilige Zeit. Gesegnete Weihnachten, liebe Heilige Johanna.

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