Ein Königreich für ein Abtreibungsgesetz aus diesem Jahrtausend

Seid Kurzem passiert es mir immer wieder, dass Menschen die Augen verdrehen, wenn ich anfange über das drohende absolute Abtreibungsverbot in Polen zu reden. Unter allen Reaktionen, die ich zuweilen für meine vielleicht nicht immer besonders geistreichen Ausführungen erhalte, ist es doch diese, die sich für mich anfühlt, wie einen Zehennagel zu verlieren, nachdem man tagelang eine Blutblase darunter hatte: Erst ist da Druck, dann unendlicher Schmerz und dann weiß man, womit man es zu tun hat. 

Gut, möglicherweise ist es in Deutschland einfach auf Polen herabzublicken. Der Space ist mehr oder weniger safe, 12 Wochen straffrei abtreiben. Done. In Polen ist schließlich eh alles anders, denn die sind ja Katholiken (Haha: Fuck you!). Am meisten verstört mich aber daran die Tatsache, dass offensichtlich das Problem verkannt wird. Es handelt sich hier nicht, um ein Steckenpferdprojekt der Netzfeministinnen oder eine rein politische Fragestellung. Es ist eine Frage des Menschenbildes, eine Frage nach der Haltung. Das reicht offensichtlich schon aus, um bei Vielen die Schotten dichtzumachen. Sich zu positionieren ist dann doch ein bisschen zu viel verlangt, schließlich haben wir alle viel zu wenig Zeit und einen Mainstream, dem man hier folgen könnte, weil das alles vereinfacht, gibt es leider nicht. 

Es enttäuscht mich menschlich zu sehen, wie der Protest von Frauen, die zu Recht um ihr leibliches Wohl und das ihrer Töchter und Enkelinnen fürchten, abgewertet wird als Akt des Egoismus und der schnellen Lösung. Es ist vor allem ein Rückfall in eine selbst gewählte Unaufgeklärtkeit und Entmündigung derer, denen allein ihr Gewissen zur Entscheidungsfindung bleibt. Immer wieder kommt in meinem Kopf ein Bild hoch, das ich versuche zu verdrängen. Das einer langen Stricknadel. 

Wenn das die Alternative sein soll, dann werde ich wohl niemals aufhören zu streiten, komme, was da wolle. Die fehlende Unterstützung eines europäischen Staates ist schon Verletzung meiner persönlichen Freiheit als Frau genug, da ist die Verletzung meiner Gefühle als Mensch noch nicht mal mit eingerechnet. Besonders schmerzlich trifft mich allerdings die Haltung der Kirche, die in meiner kindlichen Vorstellung Nächstenliebe und die Toleranz gegenüber Anders- und vor allem Selbstdenkender unter einem schützenden, meinetwegen auch vergoldeten, Dach vereinen sollte. Wo, wenn nicht hier sollte Platz sein, um für die persönlichste aller Entscheidungen einen sicheren Hafen zu schaffen, der Zeit und Gelegenheit bietet einen durchdachten Entschluss treffen zu können, der das Leben auf die eine oder andere Weise für immer verändert. 

Anstatt sich also hinter die Wünsche und Bedürfnisse der gläubigen Einwohner Polens zu stellen, unterstützt die Kirche ein absolutes Abtreibungsverbot und verspottet mit den sogenannten Messen zum Schutz des Lebens all jede, die bereits ihr Leben lang versuchen ein modernes Leben im Einklang mit den christlichen Werten zu führen und damit wahrscheinlich die Einzigen, die fähig wären die Kirche in ein neues, weltgewandtes Zeitalter zu führen. Das ist für mich Betrug an allen Gläubigen, denen Schutz und sicherer Lebensraum in einer akuten Notsituation verwehrt werden, zugunsten eines politischen Powerplays. Beim besten Willen kann ich hier keine Religion erkennen, selbst, wenn die Kirche nicht, wie es der Gesetzesentwurf vorsieht, eine Haftstrafe bis zu fünf Jahren befürwortet. Konsequent wäre es, das Seelenheil bringt es sicher nicht zurück. 


Ein stolzer Lichtblick in diesen stockdunklen Zeiten sind für mich diese viel gepriesenen, wunderschönen Polinnen, die nicht einfach auf ein Gesetz reagieren, dass sie verstümmeln und in die Illegalität treiben will, sondern kämpfen für ein Recht, das sie haben und es trotzdem verteidigen müssen. Wie paradox wäre es doch, wenn wir wissentlich unsere Kinder in ein Zeitalter zurückwürfen, das wir schon längst überwunden haben. Nein, solange die Menschen die Augen verdrehen, wenn ich von einem Thema spreche, dass für uns alle aktueller ist denn je, rede ich weiter. Damit niemand vergisst, dass Polen weiterhin, als Mitglied der EU, eins der restriktivsten Abtreibungsgesetze weltweit hat.

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