Vom Heiligen Zorn im Alltag

Kürzlich stand ich kurz vor einem Nervenzusammenbruch und gleichzeitig vor einer fehlerhaft verschlossenen U-Bahn-Tür, in der meine Handtasche fest eingeklemmt war. Zurückbleiben my Ass. Ich zog wie von Sinnen an meiner Tasche, um zu verhindern, dass sie ohne mich in Richtung Steglitz weiterfährt. Eigentlich bin ich fest davon überzeugt, dass es irgendwo einen Stammtisch der bösartigen U-Bahn-Fahrer gibt. Sicherlich treffen die sich dann einmal im Monat und schmieden Pläne, wie man die ungeliebten Fahrgäste nachhaltig und möglichst menschenverachtend verspotten kann. Im Hintergrund hängt das handgemalte Porträt der BVG-Legende, die dereinst den genialen Geistesblitz hatte, Fahrräder aus dem ersten Wagen zu verbannen. Ehrfürchtig grüßen die U-Bahnfahrer nach jedem Treffen Richtung Ölgemälde und zollen so immer noch Hochachtung. Eine unverzichtbare Säule des Berliner Nahverkehrs. 

Das alles war mit in meinem Elend allerdings völlig egal. Dass nach zwei Uhr nachts nichts Gutes mehr passiert, wissen wir ja, aber dass man vor acht Uhr das Haus unter keinen Umständen verlassen sollte, musste ich nun also schmerzlich lernen. 6:55 Uhr, ich zerre an meiner Handtasche, die im festen Eisengriff der U-Bahn-Tür klemmt und aus der vollen U-Bahn beobachten mich die toten Fischaugen meiner ehemaligen Mitfahrer. Manche lachten verschmitzt. Andere starrten einfach nur auf die unwürdige Situation, die mir den Glauben an die Menschheit ein für alle Mal raubte. Wir hatten doch so eine gute Zeit zusammen, damals als wir noch alle gemeinsam im Waggon standen und kollektiv schlechte Laune hatten. Jetzt wo ich wie ein Tier an meiner Handtasche riss, war ich zu einem Einzelkämpfer geworden. Das hatte mich nachhaltig verändert. In mir wuchs von Sekunde zu Sekunde ein unbändiger Hass, der sich gegen Mensch und Maschine gleichermaßen richtete.

Mein Zorn nahm innerhalb dieser kurzen Zeitspanne gigantische Ausmaße an. Ganz zu schweigen vom zusätzlichen Druck von außen: Die dunkle Vorahnung, dass buchstäblich jederzeit die U-Bahn mit meiner Handtasche als unfreiwillige Geisel in einem dunklen U-Bahn-Tunnel zu verschwinden drohte. Inzwischen hatte ich damit begonnen mich damit abzufinden, dass meine Handtasche in Steglitz ein neues, besseres Leben suchen und ich sie niemals wiedersehen würde. Ich entfernte mich mit Lichtgeschwindigkeit von meinem humanistischen Menschenbild und führte vor meinem inneren Auge gerade die Prügelstrafe per Eildekret wieder ein, als sich die U-Bahn ruckartig in Bewegung setze. Als gerade eine heiße Träne über meine Wange ran, erhob sich im Inneren der Bahn ein ältlicher, gebrechlich aussehender Mann von seinem Hartschalensitz und zog mit einer schnellen, geübten Bewegung die beiden Türen auseinander, so dass meine Handtasche sich gerade noch rechtzeitig aus der Tür löste, bevor der Zug zu schnell wurde. 

Und dann stand ich da auf dem Bahnsteig. Aus meiner Wildlederhandtasche tropfte der gute Bio-Naturjoghurt auf den Bahnsteig, wie aus einem toten Tier. Was da aber wirklich auf meine Schuhe und den Boden tropfte, waren meine Würde und mein Glaube an das Gute im Menschen. Alles, was übrig blieb, war ein schaler Geschmack im Mund und ein neues, ungeahntes Level an Menschheitsverachtung. 

Hiermit möchte ich also noch ganz offiziell allen Fahrgästen dieser U-Bahn persönlich wünschen, dass sie in 30 Jahren ihren missraten Kindern davon erzählen können, wie sie mich mit ihren kalten Schweineäuglein und ohne sämtliche Empathie in einer meiner dunkelsten Stunden angeglotzt haben. Möge das Karma sie genau da treffen, wo es am meisten wehtut. 


Seit diesem  -im wahrsten Sinne des Wortes- einschneidenden Erlebnis sehe ich die Welt mit anderen Augen. Ich fahre jetzt nur noch Fahrrad und versuche U-Bahnhöfe und deren grausam herzlosen Fahrgäste gänzlich zu umgehen. Manchmal juckt es mir dann aber doch noch in den Fingern und es dürstet mich nach zuckersüßer Rache. Dann nehme ich mein Fahrrad mit in die U-Bahn und stelle es im ersten Wagen ab. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis dadurch der erste U-Bahnhof in Flammen aufgeht und der gesamte Fahrbetrieb zu erliegen kommt. Dann flüstere ich leise Fuck you und fahre auf meinem klapprigen Damenrad in den Sonnenuntergang. 

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