Die Spielerfrau unter den öffentlichen Verkehrmitteln

Wenn du darüber nachdenkst, wer vor dir auf diesem Sitzplatz der Berliner U-Bahn saß, hast du schon verloren. Dann wirst du nämlich sofort krank, oder hast mindestens am nächsten Tag Herpes. Und nicht die gute Sorte. 
Diese und ähnliche Weisheiten werden in meiner Familie von Generation zu Generation weitergegeben und haben allen Mitgliedern immer wieder gute Dienste erwiesen. Seltsamerweise gibt es in meiner Familie mehr Verhaltensregeln für die S- und U-Bahn als für sämtliche Familienfeiern zusammen. 

Es wird sogar kolportiert, dass eine Tante mütterlicherseits, die seit dem Untergang der Deutschen Demokratischen Republik eine stabil-passionierte Liebesbeziehung zu einer Sagrotanflasche mit Sprühzerstäuber pflegt, die legendäre U-Bahnhose erfunden hat. Eine Hose, die genau zu diesem Zwecke über die eigentliche Kleidung gezogen wird, um Keimen und üblen Gerüchen die Stirn zu bieten. Natürlich muss man diese Hose dann am Zielort angekommen, sofort ausziehen und fachgerecht waschen und trocknen, bis man das nächste Mal Bahn fährt. Versteht sich von selbst. U-Bahnhosen sind nicht übertragbar und üblicherweise aus strapazierfähigem Material, damit sie der ständigen Belastung, denen sie täglich ausgesetzt sind, auch Stand halten. 

Mit Mode hat das nichts zu tun, hier geht es ums Prinzip. Ums Prinzip geht es im öffentlichen Nahverkehr deutscher Großstädte eh ziemlich oft. Über dem eisernen Grundsatz, dass man Fahrgäste erst aussteigen lassen muss, damit neue Fahrgäste einsteigen können, haben sich schon ernsthafte Massenschlägerei entwickelt, schneller als man Schienenersatzverkehr sagen kann. 

Weitaus längere Komposita kann man allerdings ungefähr 125. 345 Mal ganz in Ruhe aussprechen, bis nach gefühlten zweieinhalb Stunden der erste überfüllte Ersatzbus in Schrittgeschwindigkeit um die Ecke biegt und dreißig Meter hinter dem provisorisch aufgestellten Haltestellenschild zum Stehen kommt, man muss dann so richtig schön schwitzend und gedemütigt hinter einem  völlig überhitzten Bus herrennen, damit man für die nächsten 45 unvergesslichen Minuten in einer nach alten Zigarettenrauch und Döner riechenden Masse vollkommen aufgehen kann. So will es das Gesetz, oder in diesem Fall die Hausordnung der Berliner Verkehrsbetriebe. Dagegen ist das gute alte Survival of the Fittest eine müde Lachnummer. 

Dass der Busfahrer wutschäumend durchs Mikrofon brüllt, wenn man mit seiner bloßen, traurigen Existenz den Eingangsbereich blockiert, ist längst sowieso allen Reisenden klar; das weiß man schon als Kind. Dann gilt es bloß nicht die Fassung zu verlieren, auch wenn die hasserfüllten Blicke einer bluthungrigen Meute im eigenen Nacken brennen, denn tief in ihrem Herzen wissen auch sie: Morgen könnten sie an dieser Stelle stehen und dann gibt es kein Entrinnen. 

Wer täglich die Berliner BVG bemüht, hat üblicherweise kein Problem mit Körperflüssigkeiten aller Art, denn schon morgens, wenn die arbeitende Bevölkerung mit dem übermüdeten Partyvolk genervte Blicke tauscht, ist es bereits zu spät nochmal auszusteigen. Also ergibt man sich seinem Schicksal und versucht so lange wie möglich die Luft anzuhalten. 

Eine weitere wichtige Regel in Bezug auf den öffentlichen Nahverkehr, die in meiner Familie kursiert, besagt, dass man niemals und unter keinen Umständen vor zehn Uhr morgens Fremden in die Augen schaut, egal was passiert. Es drohen dem Glotzer sonst Ausbrüche unverhältnismäßiger Gewalt oder Liebesbekundungen besonders intimer Art. Das Schlimmste ist jedoch eine weirde Mischung aus beidem. Been there done that. 

Aber natürlich ist nicht alles schlecht bei der BVG. Als Beispiel sei hier die ausnahmslos humorvolle Presse- und Social Media-Abteilung des Verkehrsbetriebs angeführt, die eine Art postapokalyptischen Humor pflegt, der seinesgleichen sucht, denn in einem Failed State sind eh schon längst alle Züge abgefahren. 

Mein Lieblingsfeature der allseits beliebten BVG findet sich jedoch auf der Website, ziemlich weit unten und öffnet sich, wenn der eingeweihte Leser auf einen kleinen blauen und ziemlich kitschigen Button klickt. Das Ganze heißt „Meine Augenblicke“ und bietet schüchternen Fahrgästen die Möglichkeit eine verpasste Gelegenheit wieder wettzumachen und nach dem Herzmenschen zu suchen, mit dem man verschämt Blicke austauschte, während man in Bus oder Bahn unterwegs war.  Teilweise verzweifelt Suchende schalten dann Gesuche à la „Wir redeten über Camus und Sartre - nachts um 2 im Bus.“ und suchen so das ganz große Glück. 

Ganz tief drinnen hoffe ich dann natürlich, dass so irgendwann ein ganz besonderes Kind der Liebe entsteht, das seinen Namen der Haltestelle verdankt, an der sich seine Eltern das erste Mal schüchtern zulächelten. Es muss auch wirklich nur der zweite Vorname sein. Dann schickt die BVG bestimmt einen besonders hübschen Blumenstrauß in den Farben der guten alten U-Bahn-Sitze und eine lustige Grußkarte, die an Lena-Marie Alexanderplatz Schmidt adressiert ist. 

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass mit ein bisschen Übung jeder die öffentlichen Verkehrsmittel einer Großstadt benutzen kann, wenn er sich seines Überlebensinstinkts und einem außergewöhnlich großen Repertoire an Schimpfwörtern zu bedienen weiß. 

Manchmal weiß ich, trotz fast dreißigjähriger Erfahrung in der Königsdisziplin der Fortbewegung auch nicht weiter und begebe mich unsicheren Fußes auf ungewissen Grund. Jüngst stieg ich in die heimische U8 und stand unerwartet Auge in Auge mit einer Dame mittleren Alters, die mit der Selbstverständlichkeit einer Kosmopolitin eine Kunstlederhandtasche auf dem Kopf trug. Und nicht die Art von ‚auf dem Kopf tragen‘, wie man es ab und an in Verbindung mit Einkaufstaschen sieht. Es war keine schwere Tasche, deren Plastikriemen der Trägerin die Finger abschnürt, sondern eine leere Damenhandtasche, die verkehrt herum auf dem Kopf der Dame ruhte, während die Träger an den Seiten ihre Ohren umrundeten wie außer Kontrolle geratene Ohrringe. 
Überfordert von der Situation, aber zu einer Reaktion gezwungen, starrte ich erst und verzog dann mein Gesicht zu einem milden und verständnisvollen Lächeln. Die Dame nickte mir darauf leicht zu. Ich drehte mich um, wunderte mich nicht weiter und hielt aus alter Gewohnheit die Luft an. 




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