Der Staat ist ein Kleingarten

Seitdem die neuen Gesetze in unserer Kleingartenanlage gelten, sind wir alle Gefangene in der grünen Hölle. Die Mehrheit der Siedler hatte während einer romantischen Anwandlung rücksichtslos gefordert, die bestehenden Reglungen zu verschärfen, denn ein Kleingarten ist nicht nur ein großer Spaß mit rotbackigen Äpfeln und süßen Kirschen, sondern auch ein Commitment. Ich glaube, so haben sie es ausgedrückt. 

Vielleicht dachten sie dabei an Nachtruhe und Rasenmähergeräuschverbot am Sonntag, oder die konsequente Durchsetzung der Heckenhöhenverordnung von 1976. Das dann zwei Wochen später eine neue Satzung erlassen wurde, die sogar dem gesetzestreusten Gartenharker den Atem raubt, hatte sich wohl niemand träumen lassen. 

In einer Nacht- und Nebelaktion wurden zwei Wachmänner mit kleinen Rasenbüschelschulterklappen am Haupteingang zur Gartenanlage postiert, die grimmig dreiblickend auf und abmarschierten. Zutritt erhielt von da an nur, wer sich ordnungsgemäß als Mitglied des Kleingartenvereins ausweisen konnte und nicht vom Vorstand des Vereins mit einem Sperrvermerk in Form eines roten Kreuzes auf einer in Großbuchstaben verfassen Namensliste markiert wurde. 

Stacheldraht säumte die Außengrenzen der halbhohen Gartenzäune und jede Parzelle wurde, von nun an penibel genau, von der des Nachbarn getrennt und zur Verantwortung gezogen, wenn die Gartensatzung nicht eingehalten wurde. 

Die meisten Kleingärtner trauten sich nach den ersten Anzeichen der Machtübernahme nicht mehr aus ihren Datschen! Meine Familie entschloss, dass wir uns das einstige Paradies nicht zum selbstgewählten Gefängnis verkommen lassen würden. Wir entschieden uns für den offenen Widerstand. 

Wir ließen das Gras wuchern, und die Äste wachsen. Über jeden Maulwurfshügel freuten wir uns diebisch und in der Abenddämmerung streiften wir durch unser Kleinod und begutachteten stolz unserer Gutmenschentum. Wir gaben der Natur zurück, was ihr gehörte und gleichzeitig versetzen wir damit den Kleingartenfaschisten einen Schlag in die Magengrube. 
Ich bin mir sicher, dass diejenigen, die am lautesten nach einer Verschärfung der Gartensatzung gerufen hatten, heimlich und im Schutze der Nacht über jede nach Maß gestutzte Hecke und jedes lieblos herausgerissene Unkraut bittere Tränen weinten. 
Never change a running system. 

Zu Beginn der hermetischen Abriegelung der Gartenanlage gab es noch Besuche von Angehörigen der Insassen. Diese waren zwar nicht gern gesehen, aber man konnte sie auch nicht verhindern. Als meine Mutter, die uns ab und an mit kleinen Paketen voller Blumensamen und Ablegern aus ihrem Garten bedachte, ihren Versand auch einstellte, wurde es ziemlich trist in unserer Parzelle. Ich machte mir Sorgen. Nach und nach verschwanden alle bekannten Gesichter von den langen Kieswegen und man grüßte sich höchsten verstohlen. Selbst das könnte als Verschwörung gedeutet werden. 

Seitdem alles in unserem Garten rechtwinklig und im exakten Abstand voneinander existiert fühle ich mich krank und schwach. Alle revolutionären Gedanken sind aus meinem Kopf geflossen wie Wasser aus einem kaputten Krug. Meine Familie erkennt mich nicht wieder. 
Diese Kleingartensatzung ist nicht mein Land. Wir überlegen nun, ob wir in eine Hippiekommune am anderen Ende der Stadt immigrieren. Dort soll alles besser sein: die Äpfel rotbackig, die Kirschen süß und das Gras grün und ungemessen lang. 

Ich werde allen Insassen dieses Gartenknastes in meinem neuen Gartenparadies Schutz gewähren, komme was wolle. 

Wenn sie wollen, dürfen sie sogar violette Karotten anbauen in meinem Beet. 


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