Schämen ist mein Leistungssport


Ich schäme mich wirklich für unverhältnismäßig viele Dinge unverhältnismäßig oft. Von Fremdscham bis Eigenscham ist da alles dabei. Ich schäme mich für den Musikgeschmack anderer Leute, falsch zugeknöpfte Blusen und versalzene Kartoffeln. An schlechten Tagen schäme ich mich sogar manchmal schon für einen schlechten Witz, bevor ich ihn überhaupt gemacht habe. Ich verbringe wirklich wahnsinnig viel Zeit damit mich für mich und andere gleich mit zu schämen, aber in den meisten Fällen komme ich dabei mit hektischen Flecken und völlig unangemessenen Kommentaren davon. Wenn mich jemand darauf anspricht, ob ich mich gerade schäme, stehe ich kurz vor der spontanen Selbstentzündung und schäme mich dann noch viel mehr. Metascham habe ich also auch noch im Repertoire. Toll! Das volle Programm also und trotzdem habe ich überhaupt kein Problem darüber zu schreiben.

 Es macht mir nichts aus am Ende dumm dazustehen, wenn es um kleine Nichtigkeiten geht. Ein Thema jedoch ist für mich so schambelastet, dass ich mich bisher nicht daran gewagt habe, darüber zu schreiben. Das passt mir ganz und gar nicht und deswegen möchte ich es wenigstens mal versucht haben. In diesem Sinne: Bear with me.

 Ich hatte immer schon ein schwieriges Verhältnis zu Frauen. Früher habe ich damit sogar geprahlt, dass ich mich mit Männern ja viel besser verstehen würde, weil die nicht so schwierig im Umgang und weniger dramatisch seien, was den zwischenmenschlichen Umgang anginge. Sei es unter Mädchen oder heranwachsenden Frauen: Alles war sofort ein Wettbewerb und alle verloren ständig und waren dann wütend oder, was noch viel schlimmer war, für Wochen passiv-aggressiv verstimmt. 
Der Umgang mit meinen Freundinnen war immer ein Minenfeld und mit fremden Frauen wurde ich selten warm. Ärztinnen waren in meinen Augen immer grob, unfreundlich und gaben sich nicht mal Mühe freundlich zu sein. Mit der Zeit nervte mich wirklich alles, an den Frauen, die mich täglich umgaben: Stimme zu schrill, zu süßlich, zu schön, zu dünn, zu dumm.

Fast schon ironisch also, dass es Frauen brauchte, um aus dieser seltsamen Verachtung für Menschen, die sich von mir selbst kein bisschen unterschieden, auszubrechen. Ich dachte wirklich ernsthaft, dass ich besser wäre als andere Frauen, weil ich mir nichts aus dem Frausein machte, nicht mit den Wimpern klimperte und ich fest davon überzeugt war, dass es keinen Unterschied zwischen mir und den Männern in meinem Leben geben würde. Einfach unfassbar, wie dumm ich viel zu lange war. Dann kamen Simone de Beauvoir, Laurie Penny und Rebecca Solnit. 

Es mag arrogant klingen, aber ich halte mich nicht für besonders dumm, umso mehr schäme ich mich dafür mich in den Fallstricken einer schlichtweg misogynen Gesellschaft so einfach verknotet zu haben. Alle Entscheidungen, die ich täglich treffe sind gesellschaftlich, moralisch und politisch zugleich und wenn ich mich bewusst lange Zeit gegen meine Interessen als Frau entschieden habe, dann zeigt dass mir nur, dass ich einen Teil von mir selbst nicht so ernst genommen habe, wie ich es sollte. Dass ich Frauen nicht ernst genommen habe. Dabei kann es doch so viel einfacher sein. 

Frauen zu ermutigen und ihnen auf respektvoller Augenhöhe zu begegnen ist auch für mich ein besseres Investment als all meine Kraft in eine idiotische Verteidigungshaltung zu stecken und sich völlig unnötig aus Entertainmentgründen gegenseitig zu zerfleischen. Zu verstehen, dass all das Leid, das Frauen täglich im Patriarchat auf­ok­t­ro­y­ie­rt wird, ein geteiltes und keins ist, das es zu verstärken gilt, war ganz schön schwer zu lernen. Umso leichter fühlt sich allerdings die Erkenntnis an, überall Schwestern zu haben. Der Rest ist nur Bullshit. Schall und Rauch, um von den eigentlichen Problemen der Ungleichheit abzulenken.

Auch, wenn es mir immer noch peinlich ist, dass ich lange geglaubt habe, dass Frauen Teil des Problems sind, bin ich umso dankbarer, dass es eine Vielzahl von Frauen gibt, die mir täglich das Gegenteil beweisen. Von diesen Frauen möchte und muss ich lernen. Beauvoir schreibt: Der Frau bleibt kein Ausweg, als an ihrer Befreiung zu arbeiten. Diese Befreiung kann nur eine kollektive sein. Das unterschreibe ich so. Und das, wie sehr wenig in meinem Leben, völlig ohne Scham. 

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