Dinge, die wir nicht sagen


Okay, okay! Ich verstehe, dass viele denken, ich würde oversharing betreiben und dass es niemanden interessiert, wenn ich leide oder einfach nur Kopfschmerzen habe. Ich weiß aber auch, dass es nicht der Fall ist, wenn mir Menschen vorwerfen, dass ich eine Attention Whore sei, die Follower damit generieren will, dass sie rumheult. Schließlich ist sie eine hysterische Frau im Internet, die machen das doch alle so. Das ist absoluter Bullshit. 
Ich hasse Replies und Kommentare. Ich will keine Antworten auf offensichtlich rhetorische Fragen und es interessiert mich herzlich wenig, was Ronnie aus Cottbus über meine Meinung zum Thema Abtreibung zu sagen hat. 

Dafür bin ich relativ sicher, dass sich Menschen darin wieder erkennen, wenn ich darüber schreibe, wie ich mich fühle, wenn ich mich ignoriert oder beleidigt fühle. Und ich könnte es einfach nicht aushalten, wenn ich etwas zu sagen hätte, das dann einfach ungesagt bleibt. Ich bin wirklich ein großer Fan von Deal with your own Shit und jeder von uns sollte sich dringend einmal fragen, ob all das Gejammer, was man so täglich auf Freunden und Familie ablädt, wirklich zwingend notwendig für sich und die Anderen ist. Die Tragödie daran scheint mir nur zu sein, dass die wirklich wichtigen Dinge immer öfter unausgesprochen bleiben. Irgendwann kommt einfach der Punkt im Leben, da legen wir für immer die Ohren an und wer weiß schon, wann das sein wird. Am Ende geht’s nämlich immer schneller als man denkt und die Erkenntnis, dass wir nicht ewig Zeit haben, um unseren Shit auf Gute-Frage.net zu posten, kommt dann wahrscheinlich zu spät. 

Dann bereust du garantiert nicht, dass du nicht genug darüber gejammert hast, dass du dich nicht zwischen zwei cuten Boys entscheiden konntest, als du sechzehn warst, sondern die Male an denen du deinen besten Freunden nicht gesagt hast, wie schön sie sind, wenn sie sich gerade betrunken Pommes in den Mund stopfen, oder wie dankbar du der Frau beim Bürgeramt warst, dass sie dich nicht angezeigt hat, als sie sah, dass dein Personalausweis seit zweieinhalb Jahren abgelaufen war. Die 130 Euro Ordnungswidrigkeit hätte ich mir damals nämlich niemals leisten können, ohne fünf Wochen durchgängig Blut- und Plasma zu spenden. 

Drängender sind wahrscheinlich noch die Dinge, an die man wirklich glaubt und für die man brennt, sich aber nicht traut, sie auszusprechen. Politisch, familiär und sexuell. Privat und öffentlich. All die kleinen Dinge und schlagfertigen Antworten, die einem hinterher in der U-Bahn einfallen. Raus damit! Tweeten, Whatsapp oder meinetwegen schreibt einen Brief. Der muss ja nicht mal einen Absender haben, aber bitte, bitte raus damit. Was die Nasendusche für die Nebenhöhlen ist, ist das ausgesprochene Wort fürs Gewissen. Fühlt sich vielleicht mega eklig an, aber hinterher ist alles frei und leichter als vorher. 

Ich bereue brennend die Momente, in denen ich angespuckt wurde und mit rotem Kopf verschämt nach unten geguckt habe und ich bereue meiner Großmutter nicht mehr rechtzeitig gesagt zu haben, dass sie für mich der Grund ist, warum ich glaube, immer einmal mehr aufstehen zu können, als ich hinfalle und niemals einer Bahn hinterher renne, weil die nächste immer irgendwann kommt. Vor allem wünsche ich mir aber, dass Menschen mir Dinge ins Gesicht sagen, die sie wirklich denken, unabhängig davon, ob ich sie dann vielleicht nicht mehr leiden kann oder sie fünf Jahre später dafür liebe. 

Wahrhaftigkeit bringt alle Parteien weiter, auch wenn der Preis dafür vielleicht verletzter Stolz ist. Eine ehrliche Ansage hat mich noch nie umgebracht, auch wenns sicher hier und da etwas zieht im Großhirn. Einfach zur Abwechslung mal ehrlich zu sich selbst und anderen sein, auch wenns nicht ganz so kuschelig ist, ist da sicher ein guter Anfang. Ich zum Beispiel, mach jetzt etwas, von dem ich nie geahnt hätte, dass ich es mal könnte: Ich feier jetzt das Bürgeramt ab. 
Also: Danke nochmal, Frau Reiter, sie haben mir damals wirklich den Arsch gerettet!

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