Kein Talent ist keine Schande


Ich leide zeit meines Lebens sehr darunter, dass ich es einfach nicht schaffe das eine Talent zu finden, dass ich für mich alleine habe. Aufgrund dessen ich Selbstbewusstsein und Zufriedenheit finde. Die eine Sache, die ich besser oder tiefgründiger beherrsche, als alle anderen um mich herum. Deswegen war ich schon oft an diesem Punkt, den ein Mensch wie ich, voller Selbstzweifel und Tendenz zum Verzweifeln an der menschlichen Natur, häufiger mal erreicht: Der Punkt, an dem ich sage: Das ist doch Bullshit. Kann ja gar nicht sein, dass bei 82 Millionen Menschen in Deutschland jeder ein ganz besonderes Talent hat. Schließlich können wir ja, aller Wahrscheinlichkeit nach, nicht alle die einzigartige, verfickte Schneeflocke sein, für die wir uns gerne halten wollen. Das zu akzeptieren, fällt mir aber trotzdem schwer, weil ein paar schwachsinnige Fasern in mir drin doch an diesem Gedanken festhalten wollen, nur um sich gegen den Gedanken völliger Bedeutungslosigkeit der menschlichen Existenz zu wehren. An diesem Punkt höre ich dann für gewöhnlich auf, mir darüber Gedanken zu machen und trinke lässig eine Cola. 

Allerdings gibt es schon dieses eine, seltsame Ding, das mich an meiner Persönlichkeit immer schon gewundert hat und was nicht so recht in mein eigenes Bild von mir passen mag. Wer meine Texte hin und wieder liest, wird schon damit vertraut sein, dass ich nicht den Ruf habe ein Menschenmensch zu sein. Ich treffe ungern Leute, die ich nicht kenne und wenn ich es muss, dann kostet es mich sehr viel Kraft und Energie, Small Talk zu betreiben und ein Gespräch aufrecht zu erhalten. Das hängt einerseits sicher damit zusammen, dass ich schnell überfordert bin mit einer Unmenge an Informationen, Gesichtern, Stimmen und Namen, die dann ungefragt auf mich einprasseln und von denen ich nicht weiß, wie ich sie einordnen soll. (Ja, ich geb’s zu: Ich muss erst nachdenken, bevor ich zu einem Schluss komme, was ich von einer Meinung oder einem Gesicht zu halten habe.)
Andererseits sind meine Motive nicht besonders edel und ich bin ein Narzisst durch und durch. Das hat zur Folge, dass mich beliebige Gespräche viel zu schnell langweilen. Das ist nicht besonders höflich, aber ich kann es auch nicht abstellen. 

Was mir, wenn ich dann einmal im Jahr widerwillig eine Party oder eine unfreiwillige Zusammenkunft von Bekannten besuche, immer wieder auffällt, ist, dass ich mich so gut, wie jedes Mal in einem Kreis von Menschen wieder finde, die ich vorher noch nie gesehen habe. Warum auch immer sammeln sich fremde Menschen um mich, wie Katzen, die spüren, dass du Angst vor ihnen hast und die sich dann in einer Mischung aus Dominanz und gespielter Gleichgültigkeit auf deinem Schoß zusammenrollen. Ich trage selten etwas zum Gespräch bei. Dafür spitze ich die Öhrchen, wie kein Zweiter.

Und genau hier vermute ich die Krux des Ganzen: Ich höre einfach zu. So oft habe ich schon nachts wach gelegen und mich gefragt, warum um Gottes willen mir am Abend zuvor völlig Fremde ihre Lebensgeschichte im Director’s Cut erzählt, Lebenslügen gebeichtet oder diverse Traumata offenbart haben. Dabei ist die Antwort so einfach. Weil ich einfach mal zugehört habe. Ich habe nicht genickt und hektisch darauf gewartet, dass ich endlich mit dem Sprechen dran war. Ich habe sie einfach ausreden lassen und plötzlich kommen Dinge an Oberfläche gesprudelt, die sie selbst noch nicht mal aus ihrem eigenen Mund gehört zu haben scheinen. Es ist fast ein bisschen magisch, wenn es nicht so tragisch wäre. Ich habe keine weisen Lebensratschläge und besonders mutig bin ich auch nicht. Und das Verlangen, die Leute nach ihrem Geständnis wiederzusehen, habe ich schon erst recht nicht. Auf der positiven Seite habe ich aber auch keine Vorurteile und kein Verlangen danach, mich mit allen Mitteln mitteilen zu wollen. Ich sitze einfach nur da und gucke verunsichert aus der Wäsche. Das ist ziemlich Badass von mir. 

Ich habe eine lang verschollene menschliche Eigenschaft wiederentdeckt und perfektioniert, ohne es selbst zu merken. Yeah. Um aber nicht als kompletter Soziopath diesem Text zu beenden, muss ich der Richtigkeit halber noch anmerken, dass diese Momente nicht nur eine Katharsis für mein Gegenüber bedeuten. Denn auch, wenn es erst viel später in meinem kleinen Gehirn ankommt, bringt mich diese Erfahrung, die ich jetzt Jahre lang schon unreflektiert gemacht habe, näher an das heran, was mir am meisten Leid und Kummer bereitet: Zutiefst menschliche Erfahrungen, ohne weiche Kanten dank Porträteffekt und Instagramfilter. Die Gefühle, von denen alle gleichermaßen vorgeben sie nicht zu haben, unter denen dann aber heimlich doch alle von Zeit zu Zeit leiden: Panik, Versagen, Hass und Neid. Das bringt mich auf verschrobene Weise den Menschen wieder ein klitzekleines Bisschen näher. Vielleicht ist das ja einfach mein geheimes Supertalent: Zuhören wie kein Zweiter. Erstaunlicherweise fühlt man sich dann weniger alleine, selbst wenn man nicht redet. Abgesehen davon tut es auch überraschend gut, einfach mal das Maul zu halten. 

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