Wie ich auszog, um umzuziehen


Ich bin umgezogen. Und ich meine nicht die zuckersüße Art von Umzug, bei der man in seiner Wohnung sitzt, die man eh erst kündigen muss, wenn man eine schöne, lichtdurchflutete Wohnung mit Balkon im Friedrichshain gefunden hat. Diese Art, wo man mit einem schönen Chai Latte neben dem Laptop am Küchentisch sitzt und romantisch durch Wohnungsanzeigen scrollt und nebenbei schon mal verträumt die neu gekauften Umzugskartons einräumt und alle gewissenhaft beschriftet, damit man in der neuen Traumwohnung auch alles wiederfindet. Nein und hahaha. Auf keinen Fall. Ich musste weg, schnell und unkompliziert. Und wenn es heißt: Besser dreimal abgebrannt als einmal umgezogen, dann würde ich diesen Scheißspruch gerne updaten. Ich komme dann auch mit Nachrechnen auf folgendes Fazit: Lieber von einem perversen Axtmörder genüsslich in gulaschgroße Stücke zerhackt werden, als eine Wohnung in dieser Stadt zu finden. Und da ist der Umzug an sich noch gar nicht mit drin. Ich habe gebettelt, Ellenbogen ausgefahren und viel geweint. Soweit nichts Neues. Aber Oh Boy, sieht man den wahren Charakter eines Menschen erst, wenn er auf Wohnungssuche ist! Bis zu diesem Zeitpunkt habe ich tatsächlich noch an das Gute im Menschen geglaubt. So naiv. Manchmal bin ich echt süß.

Aber auch in diesem Moloch gibt es Gutes zu vermelden: Als ich dann endlich eine Wohnung gefunden hatte, wollte keiner meine BH-Größe wissen. Ich meine, klar, alles andere schon, natürlich musste ich die Namensrechte meines Erstgeborenen verkaufen, meine Schufa abfragen und einen Stammbaum bis ins 15. Jahrhundert vorlegen, aber diese eine Sache ist noch meine eigene. Also: yay! Das Einzige, was mich positiv stimmt, ist, dass die arme Frau, die mir meine Wohnung vermietet hat, hoffentlich jedes Mal aufs Neue genauso unangenehm von dieser Prozedur berührt ist, wie ich es war und ich bin nur die Spitze des Eisbergs, denn als ich endlich meinen Mietvertrag unterschreiben konnte, wurde ein weniger glücklicher Neumieter von zwei missmutigen Polizisten abgeführt, weil er wohl irgendwie vergessen hatte zu erwähnen, dass er für gefährliche Körperverletzung 18 Monate im Gefängnis gesessen hat. Das fand die gottgleiche Sachbearbeiterin am Nebentisch nicht so gut, schredderte vor seinen Augen den noch nicht unterschriebenen Mietvertrag und löste so anscheinend einen Gefängnisflashback in dem armen Mann aus, der in einem Tobsuchtsanfall mündete. Ein ganz normaler Tag im Büro eben. 

Aber natürlich ist nicht alles schlecht. Wenn man dann eine Wohnung hat, muss man nur in die alte Wohnung, so schnell wie möglich die eigenen Sachen von den verbleibenden trennen. Umzugskarton zusammenfalten, die von Menschenfeinden designt wurden, die ganze Scheiße völlig ohne System reinschmeißen, weil man nicht mal Zeit hat, um den Staub runterzublasen, sich selbst ganz fest versprechen, dass man in der neuen Wohnung alles ganz gewissenhaft abstaubt, wenn man es aus den halb zerfledderten Kisten holt und die Hälfte der Möbel zurücklassen, weil sie entweder nicht ins Auto oder in die neue Wohnung passen. Alles voll easy. Dann nur noch den Schlüssel zurückgeben und dem Kater einen Abschiedskuss zuwerfen, denn der ist jetzt ein Scheidungskind und so etwas wie Besuchsrecht gibt’s nicht für Katzen. Die sind nämlich plötzlich Gegenstände und haben einen rechtmäßigen Besitzer, der nicht ich bin. In der Hoffnung, dass man auch wirklich alles hat, geht’s dann im polnischen Stil (Beifahrertür nicht ganz und Kofferraum weit geöffnet) Richtung neues Domizil. Jippie Jippie Yeah.
Highlight nach der Ankunft: Schnaps; Lowlight nach der Ankunft: Ausladen nach dem Schnapstrinken.  

Auch wenn ich mich selbst immer wieder zur Königin der schlechten Ideen krönen muss, ist dann trotzdem irgendwann die letzte Bücherkiste gerissen und der letzte Finger zwischen Türrahmen und viel zu schweren Möbelstücken eingequetscht (Blutblase inkl. versteht sich) worden.  Und dann folgt der Part, für den ich so gut wie geboren wurde: Schadenbegrenzung. Hier kann ich glänzen. Da geht mir einfach das Herz auf. Es gibt nämlich wenig, was ein vergrämtes Umzugshelferherz so schnell wieder aufhellt, wie ein kühles Bier aus der Badewanne. Dann kann man ganz kurz die Liebe spüren. An so einem Abend weiß man nämlich, dass man noch lebt. Und, dass man beim nächsten Mal besser ein Umzugsunternehmen anrufen sollte. 

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