Die Sache mit dem Mitleid


Kürzlich las ich in Aristoteles’ Rhetorik, dass Mitleid sinngemäß eine besondere Art des Schmerzes ist, die einen befällt, wenn man ein Leid bringendes Übel bei anderen beobachtet, das derjenige nicht verdient und auch einen selbst oder eine uns nahestehende Person betreffen könnte. Wichtig sei dabei, dass derjenige, der das Mitleid empfindet, in einer empfänglichen Verfassung dafür sei, zu glauben er selbst oder seine Liebsten könnte eben dieser Schmerz genauso widerfahren. Aristoteles ist auch der Meinung, dass wir besonders anfällig für das Empfinden von Mitleid seien, wenn der Leidende uns in Charakter, Alter oder Lebenssituation ähnelt. 

So weit, so menschenfreundlich und nichtssagend. Da ich mich gerne in meinem eigenen und anderer Leute Schmerz suhle, habe ich mich weiter aus der Antike raus- und in die Neuzeit reingelesen und festgestellt, dass in der Aufklärung Lessing schon der Meinung war, dass Mitleid mehr über einen selbst, als über das Gefühl zu Anderen sagt, denn was Aristoteles wohl nicht bedacht habe, sei dass das Mitleid des Menschen allein  durch die Furcht des Menschen davor motiviert wäre, selbst zum Objekt des Mitleids zu werden. Nicht mehr ganz so altruistisch und das deckt sich dann auch mehr mit meinen eigenen Mitleidserfahrungen. Lessing: 1, Aristoteles: 0.  Natürlich bleibt es nicht aus, dass man sich selbst oft in Situationen wiederfindet, in denen man andere bemitleidet, wahrscheinlich sogar aus Reflex. Das ist ganz menschlich und was in meinem eigenen Kopf passiert, geht ja auch niemanden etwas an, außer mich selbst. Eine verdammt gute Sache ist das. 

Schwierig wird es für mich dann, wenn mich andere Leuten völlig unreflektiert wissen lassen, dass sie mich bemitleiden. Das hat dann nämlich häufig weniger mit Empathie zu tun, als mit Voyeurismus für die Lage in der ich mich befinde und da wird es selbst für mich zu viel. Mitleid hat nämlich sehr schnell einen bitteren Nachgeschmack. Der süße Duft von Herablassung und You can get it if you really try-Feeling liegen dann nämlich in der Luft. Ein bisschen wie im FDP-Ortsverein. Und ich finde, da sollte man dann auch schon mal sagen dürfen: Das kotzt mich an. Ich will euer Mitleid nicht, wenn es nur dem Zweck dient, euch darin zu bestärken, wie geil euer Instragramfilterleben so ist. Ich bin darauf nicht neidisch, denn das Gras ist auf der anderen Seite immer grüner, egal wo man steht. Ich möchte nur mit besonderer Emphase darauf hinweisen, einfach mal nachzudenken, bevor man sein wenig durchdachtes Mitleid einfach in die Welt rausbläst, vor allem, weil sich der Bemitleidete dadurch in der Regel noch beschissener fühlt. Er ist ja nicht dumm, sondern nur in einer unangenehmen Lage. Überdosiertes und phrasenhaftes Mitleid hat nämlich auch noch den Nachteil, dass kein Mensch hinterher noch weiß, was er dem anderen noch glauben kann. Wenn man nur stumpfes Mitleid aus dem Elfenbeinturm erwarten kann, wird er ganz sicher seine Probleme für sich behalten und weiterhin in sich hinein knurrend passiv-aggressiv online shoppen, wie jeden Abend. 

Bevor jetzt wieder alle unken, dass meiner Forderung unchristlich und asozial ist, möchte ich gerne laut lachen. Ich bin mir sehr wohl bewusst, dass Mitleid mit Menschen in Notlagen wohlmöglich noch in unverschuldeten Situationen ein Elfmeter ins Tor der Nächstenliebe ist. Da kann man nämlich nicht viel falsch machen und wertet gefühlt das Karmakonto ruck, zuck auf. Ich will nur, dass all die guten Samariter sich bewusst machen, dass sie mit oberflächlichen Mitleidsbekundungen genau das Gegenteil von dem auslösen, was sie erreichen wollen. Ein schlechtes Gefühl braucht nämlich niemand, dem es eh schon schlecht geht. Das tut sehr weh. Ich spreche aus Erfahrung. Deswegen: Bitte erst mal im Kopf sortieren, mit was ich meinem Gegenüber entgegentrete. Augenhöhe ist immer besser und im Zweifelsfall helfen schlechte Wortwitze schneller über einen düsteren Gedanken hinweg, als halb gare Mitleidsbekundungen, die so auch in einem Glückskeks stehen könnten. 

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