Weniger Reden, mehr Blocken.

Eigentlich würde ich gerne darüber schreiben, wie gut uns allen das Internet tut und dass es die Klugen klüger und die Dummen dümmer macht, so wie früher in der alten, linearen Zeit das Fernsehen. Ich würde gerne über Gleichheit schreiben und über neue, ungeahnte Möglichkeiten und Vernetzung. Ganz zu schweigen von all den GIFs von Katzenbabys, die auf Schildkröten reiten und Capybaras im Whirlpool, die zumindest meine Lebensqualität fühlbar verbessern. Aber leider gibt es nicht nur das. 
Es gibt auch immer häufiger Momente, in denen ich mir die guten alten Leserbriefe zurückwünsche. Damals hatten Leute nämlich noch eine Hemmschwelle, das waren noch Zeiten. Sie mussten sich erst einmal ausführlich mit einem beliebigen Thema auseinandersetzen, um sich dann eine Meinung bilden zu können, dann musste sich in ihrem Inneren Zustimmung oder Ablehnung formen und dann musste dieses Gefühl in ihnen auch noch so stark werden, dass sie sich dazu entschlossen proaktiv zu handeln. Sie mussten sich also im besten Fall an den Schreibtisch setzen und dann ihre Kritik formulieren, aufschreiben und dann einfach noch einmal durchlesen. Man wollte sich ja auch nicht vor der Redaktion des jeweiligen Mediums wegen Grammatik und Rechtschreibung zum Idioten machen. Dann kam der wichtigste Teil: Unterschreiben, Frankieren und Wegschicken. Fertig. Sicher ein befriedigendes Gefühl etwas getan zu haben. Die Entscheidung den Brief zu lesen, traf dann jeder selbst.
Oh Boy, diese Zeiten sind sowas von vorbei! Als Frau bekommst du nämlich im Netz eine ganz spezielle Behandlung, die über das Standard-Internetpaket hinausgeht. Sexuelle Gewaltandrohung inklusive. Ich halte wirklich nicht viel von der Opferrolle, da aber eine Menge Menschen mit einem grenzwertigen Maße an Ignoranz gesegnet sind, würde ich gerne hier festhalten, dass Belästigungen in sozialen Medien meiner Erfahrung nach keine Seltenheit sind. Witze über Penisfotos auf Twitter bekommen plötzlich eine ganz neue Bedeutung, wenn man selbst schon mal so eine traurige Nudel im Postfach hatte. Völlig ernst gemeint und offensichtlich in einem aufgeregten Moment geschossen. 
Natürlich erkennen Kritiker den Fehler ganz auf meiner Seite, denn ich halte mit meiner Meinung selten hinter dem Berg, also ist es kein Wunder, dass dieser ganze Schmutz in meinem Postfach landet. Schließlich könnte ich ja die Sicherheitseinstellungen meiner Accounts verändern und mein Postfach komplett schließen. Das will ich nicht und das werde ich nicht tun. Aus einem ganz einfachen Grund: Ich mag Austausch. Er ist mir wichtig und ich lasse mich nicht dieser Möglichkeit berauben. Selbst wenn der Preis dafür massenhaft orthographisch fragwürdige oder beleidigende Replies sind. Beliebt sind da Rape Jokes und Anspielungen auf meine Religion. Mir wurde bereits Steinigung angedroht, wenn ich weiterhin Flüchtlinge verteidigen würde. In einem Tweet. Sichtbar für die Allgemeinheit. 
Als furchtbar anstrengend nehme ich auch die Belästigung über private Nachrichten wahr. Erwartungsfrohe Nachrichten, deren Ton von Anfang an nicht besonders freundlich wirkt, schlagen, von einer fehlenden Antwort befeuert, sofort in pure Missachtung um. Als ich nämlich vor längerer Zeit nicht auf ein völlig willkürliches Kompliment eines Fremden antwortete, schrieb der gleiche Absender zwei Stunden später, ich sei eine Hure und sollte mal so richtig durchgenommen werden. An Charme kaum zu übertreffen, oder?
Von einer Bekannten hörte ich kürzlich sogar, dass ein User ihr Profilfoto auf unterschiedliche Szenen eines Pornofilms montierte und ihr immer wieder neue Szenen davon schickte, bis sie ihn letztendlich blockierte und die Polizei einschaltete. 

Für mich hat der Spaß an diesem Punkt schon lange aufgehört. Ein solches Verhalten ist für mich unter keinen Umständen akzeptabel. Ein Streben nach Aufmerksamkeit, das ohne großen Aufwand, anonym und bequem von Zuhause aus Menschenverachtung produziert, kennt keine Hemmschwelle mehr. So sehr ich mich doch aufrege über eine solch überflüssige Form der Belästigung, so hartnäckig bin ich auch in der Benutzung meiner sozialen Medien, wies mir gefällt. Die hören nicht auf und ich werd garantiert auch nicht aufhören. Sollen sie mir doch einen Leserbrief schreiben, wenn sie was zu sagen haben. Ich spendiere sogar die Briefmarke. 

Kommentare

  1. Das Internet kitzelt das Egoistische, Narzistische und das Rücksichtslose aus den Menschen. Es spielt keine Rolle, wer auf der anderen Seite der Interaktion steht. Es geht vielmehr um die Interaktion an sich. Läuft sie in deinen Beispielen nicht so wie erhofft, also einfach und unkompliziert, bekommt der oder die Ablehnende halt Hass und Drohung ab. Ist doch nur Internet, nicht wahr? Leider kann man gegen Zurückgebliebene dieser Art nichts tun, außer es zu ignorieren, zu blockieren oder zur Anzeige zu bringen, falls es eine Drohung ist. Ich teile deinen Gedanken dazu. Ich habe vor einigen Jahren aufgehört Replies zu verfolgen und habe Kommentarfunktionen auf meinem Blog ausgeschaltet. Interaktionen im Internet? Zu 95 Prozent für den Arsch. Gut, dass es noch das echte Leben gibt. Je mehr man sich mit dem beschäftigt und den Interaktionen darin, desto weniger wichtig kommt einem das Internet vor.

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