Hinsehnen und Wegsehnen

Natürlich wäre ich gerne eine braun gebrannte Schwedin mit schneeweißen Zähnen und naturblondem Haar, die fotoready und selbstzufrieden an ihrer Weißweinschorle nippt, während sie darüber nachdenkt, wie befriedigend es doch ist nach einem langen Tag voller Selbstbeweihräucherung und gespielter Bescheidenheit endlich mal uneingeschränkt die eigene Herrlichkeit genießen zu können, ohne sich von all den Neidern ein schlechtes Gewissen einreden zu lassen. Schließlich kann man ja nichts dafür, dass das eigene Leben ganz okay läuft und die Anderen immer nur unken können. Vollkommen verständlich.

Leider bin ich die Anderen. Ich lebe in einer konstanten, selbst gewählten Abwärtsspirale, die sich in atemberaubender Geschwindigkeit tiefer und tiefer in mein Gehirn hinein dreht und so die dunkelsten Bereiche meines Gehirns durchlüftet, während meine fette Katze seelenruhig neben mir schnarcht. Die düstersten Gedanken kommen übrigens kurz vor dem Aufstehen und unter der Dusche. Ich bin Bill Burr da zu aufrichtigem Dank verpflichtet, denn ohne ihn wüsste ich nicht, dass auch andere unter der Dusche stumme Kämpfe austragen, die sich durch tiefe Seufzer oder hysterisches Lachen unaufhaltsam ihren Weg nach außen bahnen. Das ist ein kleiner Trost.

Neidisch durchscrolle ich stundenlang die Instagramprofile dieser goldenen Menschen, die mir eindeutig und nachhaltig vermitteln, in welchen Bereichen den Lebens ich gescheitert bin, scheitere und immer wieder scheitern werde. Und all das mit ungewaschenen Haaren und in der obligatorischen Jogginghose. Manchmal halte ich sogar die Luft an, wenn es an der Tür klingelt, um jedes Lebenszeichen auf meiner Seite der Tür zu minimieren. Sehr erwachsen und nicht besonders effektiv, vor allem, wenn ich in der Küche das Licht angelassen habe. Dann stelle ich mir vor, wie der Paketbote mich verurteilt, während er an die Tür klopft und in unleserlicher Schrift meinen ungefähren Namen auf einem Zettel in Dienstfarben vermerkt, der mich darauf hinweist, dass ich mein Paket ab dem nächsten Werktag in der Filiale um die Ecke abholen kann. Mit Unternehmen kann ich umgehen, mit Menschen leider nicht so gut. 

Ich würde mich freuen, wenn es diese bunten Zettel auch für zwischenmenschliche Belange geben würde. Natürlich würde ich dann auch nicht die Tür öffnen, denn ich hätte ja ungewaschene Haare und eine Jogginghose an, aber derjenige, der etwas wünscht, könnte dann seinen und meinen Namen unleserlich auf einen Zettel klieren und dann einfach ankreuzen, was genau sein Begehr ist. Dann könnte ich die kleinen Notizen nach Farben ordnen und sie auf meinem Küchentisch sortieren. Kleine Stapel, die man abarbeiten kann, wenn man tapfer sein will, oder die Manie das Kommando übernimmt.

Ich denke wirklich oft an diese wunderschönen goldenen Menschen, die sind ja auch nicht alle schlecht. Die meisten von ihnen sind sogar schmerzhaft bezaubern und alle von ihnen halten mehr aus, als man denkt. Trotzdem gibt es da einen unüberwindbaren Graben zwischen denen, die unbeschwert im Moment leben, ihn genießen und sich darauf freuen können und Menschen wie mir, denen ständig unwohl ist, weil sie während sie auf einer Party stehen, gerne im Bett Serien bingwatchen wollen, statt sich zu unterhalten. Wie so ein richtiger Soziopath. Aber der Grat ist halt schmal zwischen Hinsehnen und Wegsehnen. Wenn ich dann antisozial und egozentrisch wie ich nun mal zu sein scheine, im Bett liege und nur mittelzufrieden bis nachts um drei von Staffel zu Staffel skippe, fühle ich mich auch nicht gerade golden, muss ich zugeben. 


Wenigstens fühle ich mich dann aber selbstbestimmt und nicht reingepresst und verfremdet unter Fotofiltern und Weichzeichnern.Vielleicht muss ich ja nur ein wenig mehr auf mich selbst und ein bisschen weniger auf die Anderen achtgeben. Vielleicht ist einfach mal machen und nicht alles zerdenken, bis es wehtut, ja tatsächlich eine effektive Methode der Konfrontationstherapie. Vielleicht kann ich dann sogar mal einen Ausflug auf die andere Seite des Grabens wagen. Mit gewaschenen Haaren sieht die Welt sicher gleich ganz anders aus. Morgen fang ich vielleicht sogar damit an. 

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