Mir gehts schlecht. Und dir?

Wenn Leute mich fragen, wie es mir geht, antworte ich häufig mit „Schlecht“. Wenn ich nicht ganz so subversiv drauf bin, versuche ich die Frage mit einer dummen Antwort zu umgehen und antworte „ Schlechten Menschen geht es immer gut“, wie ich es von meiner Großmutter gelernt habe. Das reicht den Leuten dann meist aus, denn sie wollten ja nicht wissen, wie es mir geht, sondern nur ein Gespräch eröffnen oder eine Möglichkeit finden, mir zu erzählen wie es ihnen eigentlich geht. Das finde ich völlig okay. Ich höre gerne Menschen zu, vor allem, wenn sie mir Dinge erzählen, die sie ernsthaft betreffen. Ich mag es nur nicht entsetzt angestarrt zu werden, wenn ich ehrlich auf die Frage nach meinem Befinden antworte. 

Wie ein kleines Boot auf dem offenen Meer treibe ich meistens in meinen Gefühlen, manchmal sind die Ströme und Strudel so reißend, dass ich gar nicht mehr unterscheiden kann, welches der Gefühle mich am meisten treibt. Das sind die guten Tage, die Tage an denen es sich höchstens anfühlt, als hätte ich Wasser in den Ohren, sonst schwimmt mein kleines Boot ganz wendig auf der Oberfläche. Ich kann überall dabei sein, bin physisch anwesend und mich trennt nur diese kleine Irritation in meinen Ohren von den Menschen um mich herum. Ich nehme sie ein bisschen gedämpft wahr, aber bin aufmerksam genug, um zu reagieren und nach den Maßstäben der Mehrheit angemessen zu reagieren. Ich verlasse dann sogar das Haus manchmal ohne schlechtes Gefühl im Bauch. Ich stelle mir vor, dass emotional gefestigte Personen ohne soziale Ängste das jeden Tag so machen. Warum sie sich dabei nicht wie im Paradies fühlen, vermag ich allerdings nicht zu beantworten. 

Der Anteil von Neurotizismus innerhalb meiner Persönlichkeitsstruktur ist sehr ausgeprägt, das bedeutet im Grunde nur, dass ich negative Emotionen häufig intensiver empfinde als andere, sie darüber hinaus leichter ausgelöst werden und schwerer abklingen. Wenn ich mir das rational erkläre, macht es das oft leichter. Die einzige Emotion, die mir wirklich zu schaffen macht, ist Verlegenheit. Der Endboss sozusagen. Wenn ich mich nicht stark darauf konzentriere, dass meine Wahrnehmung hier zum Teil extrem von der Realität abweicht, dann scheitere ich oft daran mit anderen Menschen umzugehen, aus Angst negativ bewertet oder kritisiert zu werden. Dann bin ich unter Wasser. Das Boot ist dann schon lange abgetrieben und nicht mal mehr am metaphorischen Horizont zu erkennen. Ich kann dann zwar noch sehen, dass es Menschen gibt, die interagieren und auch versuchen zu mir Kontakt aufzunehmen, aber alle Bewegungen sind verschwommen, unscharf und wirken auf mich als wären sie der Situation nicht angemessen. 

Auf Außenstehende wirkt es dann oft, als sei ich unhöflich, arrogant und am schlimmsten für mich, als hätte ich kein Interesse an ihnen. Genau das Gegenteil ist aber der Fall.  

Das sind die schlechteren Tage. Ich treibe dann einfach neben dem her, was in der Welt so passiert, es ist mir aber unmöglich einzugreifen, so als würde mich irgendetwas zurückhalten. Sogar Ereignisse, die mit mir persönlich nichts zu tun haben, sehen dann für mich so aus, als wären sie individuell für mich kreierte Folterinstrumente mit dem einzigen Zweck mich zu peinigen. Selbst wenn ich Abend für Abend aus für meine Freunde unverständlichen Gründen Verabredungen absage, dann fühle ich mich trotzdem bitter angegriffen, wenn ich Fotos oder Erzählungen davon zu Gesicht bekomme. Das war immer schon so. Vielleicht ändert sich das auch nie. Meinetwegen. 


Das Gute daran ist, dass alles tatsächlich in Wellenbewegungen kommt und geht. Ich kann also sicher sein, dass es immer wieder besser wird. Manchmal schaffen es sogar Menschen, egal ob tot oder lebendig, egal ob Fremde oder Freunde, mein kleines Boot für eine Weile vom Abtreiben abzuhalten. Das sind dann die besten Tage. 

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