Ein failed State geht wählen.

Sonntag ist es dann so weit: Die Wahlplakate können endlich weg! Das ist eigentlich der Moment, auf den ich mich seit Beginn des Wahlkampfs am allermeisten freue, ein bisschen wie Weihnachten für politisch Interessierte. Pünktlich ab 18 Uhr ist dann Politik wieder für Streber und Leute ohne Freunde, so wie es sich gehört. Keine aufregenden Wahlversprechen mehr, sondern Anträge und Kleine Anfragen. Nur echt ohne Funfaktor. Je langweiliger desto realer. Was übrig bleibt, sind erstaunlich trockenes Altpapier für diese Jahreszeit und verkohlte Bratwürste, da kümmert sich die BSR dann drum. Dann ist erst mal wieder Ruhe im Puff für die nächsten fünf Jahre. Inshallah, wie der Berliner sagt.

Natürlich wird das Ergebnis der Wahl, wie alles in Berlin, super kompliziert und keiner hat so richtig Bock drauf. Ich vermute, genau deswegen feiern auch alle Politiker den Wahlkampf so ab. Möglichst wenig Inhalte, dafür menschelt es in den Fußgängerzonen der Kieze auf unangenehm aufdringliche Weise. Was sie mir nicht schon alles hinterher geschmissen haben: Luftballons, Kugelschreiber, neulich hatte ich sogar Sonnenblumenkerne in der Post und fühlte mich dadurch persönlich beleidigt, weil dem Spitzenkandidaten der Grünen in meinem Bezirk offensichtlich meine Fensterbank nicht grün genug war. Das ist keine Wahlwerbung, das ist eine Ohrfeige für Freizeitgärtner.
Erstaunlich wenig nervig zeigte sich hingegen die Wahlkampagne der Berliner SPD meiner Meinung nach. Genauso unauffällig wie Bürgermeister Müller das Partyzepter von Schmuse-Wowi übernahm, hat er also auch eine nette Wahlkampagne in Auftrag gegeben. Der Traum eines jeden Hipsters. Das perfekte Bild, das möglichst nicht gestellt wirkt. Auf der Rolltreppe natürlich nur nach oben fahren oder lässig das Jackett über der Schulter. Volksnah und selten im Fokus. Highlight-Material des Sommers neben dem mehr als gerechtfertigten Stinkefinger Sigmar Gabriels. Kann man mal machen, ist sicher auch eine nette Erinnerung an die Zeiten, als wir alle noch an die Eröffnung des BER geglaubt haben. Ach: good old times!

An dieser Stelle möchte ich nicht allzu viele Worte über meine guten Freunde von der CDU verlieren, ich bin der Meinung, dass der tägliche Spießrutenlauf durch die Stadt schon Strafe genug sein sollte. Warum der allseits beliebte Innensenator sich aber ausgerechnet das Thema Sicherheit und Überwachung für seine Wahlkampagne ausgesucht hat, kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Aber immerhin: Typisch CDU, immer ein bisschen zu weit rechts und Hauptsache alle haben Angst auf dem Nachhauseweg. Vielleicht ist Herr Henkel auch einfach nach dem zweiten Rotweinchen auf einer Ausgabe von George Orwells ‚1984‘ eingeschlafen. Das würde einiges erklären. Als semiprofessioneller Vollzeitchrist kann ich nur sagen: Wenn du deinen Nächsten liebst, solltest du ihm keine Angst machen, Herzchen.

Ob sich noch jemand an die FDP erinnert, weiß ich nicht genau. Die Erinnerung ist inzwischen auch mehr als verschwommen, aber gerne stoße ich mit jedem einzelnen FDP-Wähler an, der sich für die weirden Liberalen entscheidet, statt sein Kreuz dem braunen Sumpf in den Rachen zu werfen. Wenigstens bezahlt Papa und die Perlenkette sitzt. Inhaltlich ist aber nicht viel los, wahrscheinlich ist Berlin auch nicht besonders geeignet dafür von ehemaligen BWL-Studenten regiert zu werden. Ein failed State wird sicher nicht so schnell zu einem profitablen Unternehmen. Aber wenn gar nichts mehr geht, dann haben wir immer noch den Länderfinanzausgleich. Hallelujah!

Halten wir also Folgendes fest: Wir sind am Arsch, egal was am Sonntag passiert. Wir sind nämlich ärmer, dümmer und dreckiger als alle anderen Bundesländer. Hier ist es sogar wahrscheinlicher von einem Blitz getroffen zu werden, als noch in diesem Jahr einen Termin beim Bürgeramt zu bekommen. Alles geschenkt. Trotzdem geben wir die Hoffnung nicht auf, denn arm aber sexy stimmt irgendwie immer noch genauso sehr wie im Jahr 2003.

Und sein wir doch mal ehrlich: Wer will denn bitte nicht in der Stadt leben, in der sich ein Rapper unter Vollzeitpolitiker mischen kann, ohne dabei groß aufzufallen? Genauso sehr wie ich diese Stadt aus vollem Herzen hasse, liebe ich sie auch. Weil hier nichts machbar ist, geht einfach alles. Also tut mir bitte einen Gefallen und geht brav wählen, ja? Und dann ist Ruhe im Puff!


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