Ein Kind unserer Zeit

Wer sich mit dem Guten, Schönen und Wahren zufriedengibt, kann ein ganz okayes Leben führen, denn er hat wahrscheinlich seinen Platon gelesen und angemessen lange darüber nachgedacht. Mehr passiert dann aber nicht und dann stirbt man. Von außen sieht das dann aus wie ein reiches, erfülltes Leben und die engsten Freunde weinen pflichtbewusst fünf Tränen auf einer stillen Beisetzung und dann ist für immer Funkstille. Special Effects Level eher niedrig. Die Zahl der Menschen, die man innerhalb einer Lebensspanne mit seiner sagenhaften Mittelmäßigkeit erreicht, ist nicht gerade beeindruckend und die Fremdsprachen, die man noch lernen wollte, vergilben langsam auf kariertem Papier. 

Manchmal und auch nur ganz selten trifft man jedoch auf Menschen, die alles anders machen. Nicht nur als andere Menschen, sondern auch als man selbst. Dann kann man nur stauen und man hat das Gefühl, dass es da vielleicht doch mehr gibt, als was am eigenen Horizont im trüben Meer der Wahrnehmung alles so herumtreibt. Für einen Moment sieht es dann so aus, als würde sich die Oberfläche einen Spaltbreit auftun und man könnte auf den Grund der Dinge sehen. Eine Apokalypse im besten Sinne des Wortes. Ich habe einen Menschen, der dieses Gefühl in mir auslöst. Die Abbilder seines Glanzes sind Zigaretten ohne Filter und der zarte Schimmer des Kommunismus auf den rosigen Wangen. Special Effects garantiert. 

Dass der Weg in medias res kein angenehmer ist, geht auch an diesem Lebenskünstler nicht spurlos vorüber. Ganz im Gegenteil: Selten sehe ich Menschen, die sich so elegant durch das eigene Leiden graben. Es bedarf geradezu unmenschlicher Stärke, sich in einem Moment seiner eigenen Verwundbarkeit mit einer Hartnäckigkeit zu stellen, die nicht nur einem Selbst die Tränen in die Augen treibt um im nächsten den eigenen Selbstzerstörungstrieb voller Verachtung auszulachen. Die eigene Zerrissenheit fühlt sich bei meinem guten Freund oft an, wie in die Sonne zu blicken. Geblendet von der Überlagerung von hell, dunkel und noch heller, fühle ich mich verstanden und trotzdem bin ich froh nicht alles sehen zu müssen. 

Ganz unironisch gesprochen, kennt meine Liebe keine Grenzen für diesen Menschen, der die Schleusen, die er öffnet, auch wieder verschließen kann. Die Qualität einer Freundschaft kann sich dann nämlich nicht an Oberflächlichkeiten messen lassen, die eigentlich zu vernachlässigen sind. Wer dabei war, als ich in einer meiner dunkelsten Stunden unkontrolliert und wie im Fieberwahn mit M&M’s um mich warf, der hat auf ewig einen Platz in meinem Herzen sicher. Völlig urteilsfrei und bedingungslos weiß ich um diese besondere Verbindung. Warum ich das jetzt so ausführlich darlege, weiß ich ganz genau. Es ist außergewöhnlich, dass ich aus Gesprächen Lebensweisheiten mit nach Hause nehme. Normalerweise beziehe ich die, wie jeder gute Deutsche, aus Hollywoodfilmen und dem sonntäglichen Tatort. Mein Freund verriet mir nämlich neulich im Vertrauen, dass er den schönsten Rosengarten des Ostens besucht habe und sein Geheimnis sein nichts. Ein Park voller Rosen, in dem man für eine Zeit umherschreiten könne. Mehr nicht. 


Vielleicht ist das so mit dem Guten, dem Wahren und dem Schönen. Für manche ist das alles nur buntes Pappmaché und die wahre Schönheit liegt in der Verweigerung. Weiter unten wird es sicher interessanter, wenn auch schmerzhafter. Das lohnt sich aber. Der Gedanke imponiert mir sehr, genau wie diese Person. Und sein Hund. Bevor ich jetzt aber beginne, kitschige Chansons von Freundschaft, Treibjagd und immerwährender Jugend zu singen, klemme ich mir ein Buch von Ödön von Horváth unter den Arm und sage laut: Sucht euch auch so einen Menschen. Aber nicht meinen, denn ich teile nicht gerne. 

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