Trigger me, Bitch!

Seit Kurzem lenke ich meine ungesunden Obsessionen in neue Bahnen, Youtube sei Dank! Ich habe eine völlig neue Videokategorie entdeckt, die mich wahnsinnig glücklich macht und mich gleichzeitig dümmlich starrend zurücklässt. Das Zauberwort ist nicht Dankeschön, sondern ASMR. Die nicht besonders attraktive Abkürzung steht für Autonomous Sensory Meridian Response und lässt nicht einmal im Ansatz erahnen, welche Zauberwelt hinter dieser sperrigen Bezeichnung steht. 

Ich habe wirklich schon alles probiert, um mich von den üblichen 99 problems abzulenken. Ich habe gelernt, wie man vorteilhaft sein Gesicht konturiert und so locker zwei bis drei Jahre aus der Pickelfratze zaubert, ich habe grenzwertig Minderjährigen dabei zugesehen, wie sie ihren DM-Einkauf liebevoll ansabbern und alle Katzenvideos der Welt habe ich wahrscheinlich bereits mehrfach abgefeiert. Selbst die in schlechter Qualität und seltsamem Format. Ich kenne keine Schmerzgrenze. 

Ich gebe sogar zu, dass ich in einer sehr dunklen Phase meines Dasein stundenlang dabei zusah, wie zwei wirklich gewöhnungsbedürftigen Typen, die nicht mal besonders sympathisch waren, im Rahmen eines PC-Spiels Wildschweine jagten und sich dabei unentwegt anschrien, als ginge es dabei um Leben und Tod. Digitale, schlecht animierte Wildschweine. 

Auf Umwegen entdeckte ich dann das: 

Privatpersonen mit unverschämt guten Mikrofonen filmen sich dabei, wie sie in die Kamera flüstern, Köpfe massieren oder lange Haare bürsten. So weit, so creepy. 

Als ich das erste Mal auf diese Art von Video stieß, war ich zugleich angezogen und mehr als abgestoßen. Vor lauter Aufregung schaute ich gleich eine halbe Stunde dabei zu, wie eine rotblonde Frau die Haare einer von der Kamera abgewandten Frau mit Bioöl behandelte und dabei im grenzdebilen Flüsterton jeden Schritt kommentierte. Das war der Beginn einer großen Liebe. 

Die ersten Videos fühlten sich noch wunderbar verboten an. So als würde man heimlich Pornos schauen und tatsächlich verwechselt man schnell die seltsame Intensität der Handlungen mit Anzüglichkeit. Einer Variante des ASMR-Videos täuscht einen Arztbesuch vor, wahlweise mit einem relaxing ear cleaning. Offensichtlich gibt es also Menschen, die ein Arztbesuch entspannt. Wenn das nicht nach Spaß klingt. 

Meine persönliche Nemesis finde ich im sogenannten Tapping, das hauptsächlich darin besteht, dass mit den Fingerspitzen auf Alltagsgegenständen rumgetrommelt wird. Es klingt so abwegig, wie entspannend es tatsächlich auf mich wirkt. Mein Lieblingsvideo dauert fast genau eine Stunde und versetzt mich jedes Mal in den Zustand der Tiefenentspannung. Eine etwas überschminkte Britin mittleren Alters breitet da ihren Teevorrat vor der Kamera aus und klopft leicht zuerst Verpackung und dann Teebeutel, eine nach der anderen, mit ihren frisch manikürten Fingernägeln ab. Dazu liest sie halb flüsternd die kurzen Werbetext samt Inhaltsstoffen vor. Der feuchte Traum, von dem ich keine Ahnung hatte, das ich ihn jemals haben werde. 

Das ist einfach too much, da geben selbst meine ruhelosen Beine den Geist auf. Es kribbelt angenehm unter der Schädeldecke und die Wirbelsäule hinunter. Das perfekte Spaerlebnis für Menschen mit Sozialphobien und Waschzwang. Völlig keimfrei und wunderbar übergriffig zugleich. Ich weiß: das alles sagt wahrscheinlich mehr über mich aus, als uns allen lieb ist, aber ganz ehrlich: Whatever keeps you warm at night, oder eben sleepy. 

Jetzt könnte man denken, besser geht nicht, aber: Wissenschaftlich ist die Wirkung dieser Videos kaum belegbar. Man kann halt schlecht Daten von Menschen sammeln, die nur ungerne das Haus verlassen, um sich von fremden Leuten K-Laute ins Ohr flüstern zu lassen. Will man wahrscheinlich auch lieber nicht machen. Ist ja schon ziemlich creepy sowas. Für alle, die aber noch von einer Karriere als Youtubestar träumen: Here you go. Wenn man gut flüstern kann, kann man auch seine Videos monetarisieren. Gern geschehen!


Die überschminkte Britin und ich haben übrigens in letzter Zeit eine zugegebenermaßen einseitige, aber dafür sehr intensive Freundschaft geschlossen. Daher weiß ich auch schon, dass ihre Lieblingstrigger Zellophanfolie und frisch aufgeschäumter Rasierschaum sind. In den akustischen Orgasmushimmel kommt man da aber nur mit leistungsstarken Kopfhörern, da mache ich mir keine Illusionen. 

Kommentare

  1. Oh well...
    Ich glaube ich bleibe bei Musikvideos ;)

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