How to be a Rentner

Ich würde gerne behaupten, dass mein Leben einem Rausch gleicht. Einfach nur, weil es sich verdammt verwegen anhört und weil Olli Schulz das auch immer sagt. Dem ist aber leider nicht so. Ganz im Gegenteil sogar. Rentnerlifestyle Galore. 

Obwohl ich -optimistisch gesehen- Mitte Zwanzig bin, liebe ich all die schönen Dinge, die man eigentlich erst ab 65 schamfrei tun kann. Manchmal stelle ich mir vor, ich würde eine Selbsthilfegruppe gründen. Bei den anonymen Frühvergreisten würden wir dann über unsere lauten Nachbarn meckern und üben, in welchem Winkel man idealerweise ein Kissen auf die Fensterbank appliziert, um das optimale Lehnergebnis zu erreichen. Alle dürften ihre teilweise kahl gestreichelten Katzen mitbringen und sie mit Leberwurst und Katzenmilch vollstopfen, bis die Ersten anfangen lautstark zu würgen. Natürlich gäbe es einmal im Monat hilfreiche Workshops wie Arzttermine erschleichen durch Vortäuschung akuter Lebensgefahr, Ellenbogen aus Stahl- Ein Verhaltenskodex für öffentliche Verkehrsmittel und nicht zu vergessen: der Buchclub Fifty Shades of Khaki. Und das alles nur für eine Teilnahmegebühr von 2 Euro für die entkoffeinierte Kaffeekasse. Da schreit Günter Jauch vor Freude!

Diese Vorstellung ist mein persönlicher Happy Place und ich bin der festen Überzeugung, dass ich irgendwann genug zwangsgestörte Rentner im Geiste treffe, die mit mir DEN Lifestyle leben. Dazu einmal die Woche Rasenmähen und Mon Chéri, einfach perfekt. 

Ganz ehrlich: Ein Leben als Rentnerin mit mäßig straffem Bindegewebe hat wirklich eine Menge Vorteile. Fernab von Planübererfüllung, der Liebe zu Harald Juhnke und Blutwurst, finde ich es großartig nach 20 Uhr das Haus nicht mehr verlassen zu müssen. Meine Freunde wissen darüber weitestgehend Bescheid und nehmen Rücksicht auf meine gerontologischen Befindlichkeiten. Bin ich nicht bis spätestens 18 Uhr hochmotiviert einen Abend wider meiner Natur in einem Club oder einer Bar zu verbringen, beginne ich zu zetern. Big Time. Es ist ja auch schon spät und früh raus muss ich morgen auch, denn kurz nach Acht gibt es bei Aldi noch Eier im XL-Format. Es handelt sich hierbei um ein sehr kurzes Zeitfenster, soll heißen: Die sind schnell weg. Große Eier werden von verwöhnten Frühaufstehern ab Jahrgang 1931 in Gold und Weinbrand aufgewogen. Alte Bauernregel. Da muss man schnell sein und Rentnerschläue mitbringen. Da kann man nicht einfach am Abend zuvor mit roten Apfelbäckchen Wodka trinken. Nein, da muss man in den Kampfmodus schalten und sich bestenfalls am Abend schon mental auf die Schlacht am Eierregal vorbereiten. 

Meine Frühvergreisung geht sogar so weit, dass ich oft darüber fantasiere, wie es wäre, einen kleinen, roten Rollator zu haben. Dann bräuchte ich nie wieder dämlich in der Bahn rumstehen, weil ich meinen Sitzplatz einfach immer dabei hätte und nebenbei würde ich noch meine Einkäufe transportieren, ohne mit der Wimper zu zucken. Mehr Badass geht ja wohl kaum! 

An meine Grenzen stoße ich allerdings, wie so oft, mit meinen kleinen, unschuldigen Träumereien, sobald ich mit der Realität in Berührung komme. Meine Nemesis: Echte Rentner. Der Endgegner, der dir in der Kasse zum wiederholten Male und nicht ganz ohne Absicht mit dem Einkaufswagen in die Hacken fährt. Eine obsessive Mischung aus Faszination und Ekel beschleicht mich jedes Mal, wenn mich ein grantiger Original Rentner im Bus abrupt und unverschämt plakativ darauf aufmerksam macht, dass er sich gerne auf meinen Sitzplatz hieven will. Mein Kopf sagt: Steh auf! Mein Herz sagt: Fuck off, ich hab den Sitzplatz nötiger als du. 


Bis ich das Level abgebrühter Ignoranz der berüchtigten Großstadtrentner rankomme, vergehen mit Sicherheit noch dreißig bis fünfundvierzig Jahre. Bis dahin lebe ich weiterhin an meinem ganz persönlichen Happy Place, wo ich andere penetrant dazu zwinge in meiner Gegenwart Hausschuhe zu tragen, ich ständig auf der Suche nach meiner Brille bin und die Mittagsruhe bis 15 Uhr das oberste Gesetz ist. Komme, was da wolle. 

Kommentare

Beliebte Posts