Blut ist dicker als Wein und Antidepressiva

An einem sonnigen Tag im Mai vor ungefähr vierzig Jahren stand der Bruder meiner Großmutter recht früh auf, wusch sich und entschied sich für einen seiner schönsten Ausgehanzüge. Dann verließ er das Haus, um sich die Haare schneiden zu lassen. Also er zurückkam, zog er seine Lackschuhe aus, polierte sie gewissenhaft und stellte sie zurück ins Schuhregal. 
Danach holte er sein Kopfkissen aus dem Schlafzimmer, das gleichzeitig als Wohn- und Kinderzimmer diente und drehte den Gasofen auf. 

Drei Stunden später fand meine Großmutter ihn. Er sah aus, als würde er ein Nickerchen machen. Nur eben mit dem Kopf im Ofen. Ich bin sicher solche Vorfälle gibt es in jeder Familie. Zwei Tage zuvor war mein Großonkel von seiner Ehefrau und deren Adoptivkind verlassen worden. Das war also Grund genug für ihn, seinem Leben ein recht deutsches Ende zu setzen. Schließlich sollte man nicht viel Arbeit haben, wenn man seinen Körper fand. Den Anzug trug er, damit niemand mehr Mühe hatte, ihn für die Beerdigung zu kleiden. Es gibt kein Foto von meinem Großonkel, auf dem er nicht lacht. 

Ich liebe meine Familie sehr, auch obwohl oder vielleicht gerade, weil sie zu achtzig Prozent aus Suchtkranken und Zwangsneurotikern besteht. Ich spreche hier nicht von der romantischen Art von Zwangskrankheit und Alkoholismus, wie sie in Woody Allen Filmen zu sehen sind. Sicher gibt es diese Bilderbuchvariante auch vielfach zu beobachten und sie ist sicher nicht weniger unangenehm, auch wenn sie von schönen Menschen mit Erste-Welt-Problemen durchlebt wird, aber in meiner Familie ist das alles nicht ganz so hochglanzoptimiert. 

Seit ich denken kann, gibt es Entgiftungen und Psychiatriebesuche. Es gibt Abstürze, Rückfälle und kleine Tippelschritte auf desinfizierten Krankenhausfluren. Das alles hat mir aber nie Angst gemacht. Erst im Laufe meines frühen Erwachsenwerdens musste ich feststellen, dass solche Aktivitäten nicht in allen Familien gang und gäbe waren. Es gab Patchwork- und Regenbogenfamilien, Alleinerziehende und Freunde, die völlig ohne Eltern im Heim oder bei Pflegefamilien aufwuchsen. Allerdings sind die höchstens ins Krankenhaus gefahren, wenn sich der Großvater mal das Bein brach. 

Als ich das während der Pubertät entdeckte, wuchs in mir der Wunsch meine Familie zu schützen. So wurde wie durch Zauberhand aus dem immer gleichen Hangover am nächsten Tag ein Magen-Darm-Virus, Sonnenbrille und Fahne erklärte ich mit Allergien und Hustensaft. Aber auch ich begriff irgendwann, dass man Schutzmechanismus wie Co-Abhängigkeit buchstabiert. 

Wächst man in einer Familie voller Exzentriker mit Persönlichkeitsstörung auf, lernt man schneller als Sprechen die Manipulation. Sei es beim Buhlen um Aufmerksamkeit, oder um einfach das zu bekommen, was einem eh zusteht. Die Übertragung der Manipulation auf das Leben außerhalb der Familie ist die kleinstmögliche Übersprunghandlung, die die Welt je gesehen hat. Das ist sicher  verurteilungswürdig, aber es fühlt sich gleichzeitig für mich an wie atmen. 

Ein Geist wabert durch meine Familie, egal ob mütter- oder väterlicherseits. Die einzige Gemeinsamkeit, die sich bei allen Beteiligten ausmachen lässt, ist eine immerwährende, verruchte Melancholie, die unabstellbar wahrscheinlich schon seit dem 19. Jahrhundert in den Hinterköpfen der Menschen vibriert, die meine Gene teilten oder bis heute teilen. Eine Melancholie, die von Zeit zu Zeit die bizarrsten Blüten treibt und ihr Ventil in immer neuen Formen findet. Eine Melancholie, die das Gegenteil von Ruhe und Erfüllung darstellt. Vielleicht sogar die treibende Kraft und Comfort Zone. Eine Melancholie, die eine besonders glänzende Kehrseite besitzt. Bedingungslose Liebe. 

Der Grund, warum ich mich meiner Familie keinen Tag schäme und auch in der finstersten Kathedrale immer ein Licht für sie entzünden werde, ist diese bedingungslose Liebe, die mich in die tiefsten Abgründe stürzt und mich fast gleichzeitig in die höchsten Höhen erhebt. Diese Tatsache bedarf sicher keiner näheren Erklärungen, denn sie ist allen Familien gleich. 

Manchmal, wenn ich traurig bin, gehe ich aber an meinem Schreibtisch vorbei, denn dort steht ein Foto von einem hübschen jungen Mann auf vergilbten Fotopapier. Es zeigt meinen Großonkel, er lacht sein sympathischstes Lächeln und dann weiß ich, dass ich weitermachen kann. 



Kommentare

Beliebte Posts