Eine Liebeserklärung

Ich habe eine russische Freundin, die ich hier aus datenschutztechnischen Gründen Tatjana nennen werden. Ich liebe sie sehr, obwohl wir  mehr als nur unterschiedlich sind. Manchmal habe ich sogar das Gefühl, dass ich im Gegensatz zu ihr in der Wildnis aufgewachsen und von wahnsinnig ungepflegten Wölfen aufgezogen wurde. Sie hingegen ist genau wie die Venus von Milo eine strahlende Schaumgeburt, die in einer von unten beleuchteten Muschel natürlich nur ihre Schokoladenseite präsentiert. 

Unsere Treffen sind für mich wie der Zugang zu einem fremden Universum, in das ich einen Gästeeintrittskarte bekomme. Aber nur zum Testen. Tatjanas Welt besteht rundum aus dem strahlend Schönen, Guten und Wohlriechenden. Angefangen bei der teuren französischen Kosmetik, die sie fast schon unnatürlich schön macht, bis zum außergewöhnlich geprägten italienischen Leder ihrer Handtasche. Sie bewegt sich durch diese unwirkliche Welt der schönen Dinge mit einer beindruckenden Sicherheit, die mir die Tränen in die Augen treibt. 

Offensichtlich lernen die Mädchen in Russland ganz andere Sachen in der sechsten Klasse als wir deutschen Kartoffeln. Körperpflege ist eine davon. Deswegen schäme ich mich, seitdem ich mit Tatjana in die Sauna gehe. Eigentlich fehlt nur noch, dass das Innere ihrer bloß zum Zweck der Verwahrung kosmetischer Produkte mitgebrachten Sporttasche beim Öffnen elegant zu leuchten beginnt, denn darin verbergen sich wahre Schätze. Meersalzpeeling, eigens aus Israel importiert und Gomage aus Frankreich. 

Ich schlucke dann kurz und knibble nervös das Etikett meines Drogerieduschgels ab, um mein Gesicht wenigstens ein bisschen zu wahren. 

Tatjanas Großmütigkeit kennt keine Grenzen, denn genau wie sie nach Gefühl und Intuition die richtigen Cremes zu den richtigen Tageszeiten anwendet, um ihr perfektes Hautbild noch aufregender zu machen, so geschickt ist sie auch im Umgang mit ihren Mitmenschen. Sie lässt mich an ihrer allumfassenden Weisheit gerne Teil haben, dabei vergisst sie aber nicht ihre royale Attitüde. Schließlich hatte Tatjana schon einen Stammplatz auf dem heißen Stein eines Moskauer Edel- Hamams, als ich noch mit Kartoffeldruck beschäftigt war. 

Machmal wache ich sogar nachts auf und habe Angst, ihrer Gunst nicht mehr würdig zu sein. In meiner Vorstellung werde ich dann gegen ein jüngeres Nachwuchsmodell ausgetauscht, das besser, schöner und dünner ist als ich. Ich fühle mich dann wie eine abgelegte Spielerfrau, die ihre besten Jahre hinter sich hat und schlafe mit flauem Gefühl im Magen wieder ein. 

Ich weiß nicht, wie sie es macht, aber eine herausragende Eigenschaft meiner russischen Freundin ist es, alle ihr nahestehenden Menschen zu Höchstleistungen anzutreiben. Allein durch ihre Präsenz. Ihr deutscher Freund hat in den drei Jahren, seitdem sie ihre kostbare Zeit für ihn aufwendet, fünfzehn Kilo abgenommen und dreimal seinen Job zu Gunsten eines neuen, besser bezahlten, gekündigt. Sie hat ein echtes Monster erschaffen, eine Art metrosexuellen Super- Ken mit internationalem Sexappeal. Männer wollen so sein wie er und Frauen wagen es nicht ihn anzusehen, weil sie Angst vor einer spontanen Selbstentzündung haben. Das ist alles Tatjanas Verdienst und das weiß sie auch. 

Ich bewundere ihre gottgegebene Überlegenheit in allen Lebenslagen sehr. Doch wie in jeder guten Beziehung gibt es einen Punkt, an dem in einem der Partner die animalische und unüberwindbare Gewalt der Gefühle ans Tageslicht tritt und ich für dieses russische Zauberwesen nichts als pure Verachtung und blanken Hass aus vollen Herzen empfinden kann. Bei mir ist dieser Punkt an einem ganz speziellen Ort  erreicht: im Fitnessstudio. 

Hier lässt Tatjana ihre ganzen Herrlichkeit freien Lauf. Natürlich erntet sie für ihre grazilen und doch so kraftvollen Bewegungen neidische Blicke. Manchmal bleiben sogar völlig Fremde stehen und applaudieren, wenn sich meine russische Freundin inmitten ihres selbstzusammengestellten Hanteltrainings befindet. Mich kann man in solchen Momenten auf einem der zahlreichen Geräte finden, deren Namen ich natürlich nicht kenne. Ich weine dann leise und versuche mich mit sanftem Vor- und Zurückwippen meines Oberkörpers wieder zur Besinnung zu bringen, während ich mit hochrotem Kopf und ohne Körperspannung vom Crosstrainer hänge. 

Wenn ich meine Freundin Tatjana aus Moskau frage, was sie an mir mag, dann sagt sie, sie schätze, dass ich mich mit Literatur auskenne und ihr immer nur großartige Serien empfehle, außerdem beneide sie mich um meine Naturlocken. Das versöhnt mich dann ein wenig und ich nehme mir vor bis zum nächsten Fitnessstudiobesuch heimlich zuhause mit meiner Nemesis, den Hanteln zu trainieren. Und wenn sie mich jemals darum bitten sollte, dann zeige ich ihr wie das mit dem Kartoffeldruck geht!



  

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