Scheitern als Erfolgsmodell

Ich pflege mit äußerster Sorgfalt die Kultur des Scheiterns in allen Lebenslagen. Ich feiere die Niederschläge als gäbe es kein Morgen mehr. Was bleibt mir auch anderes übrig? Der Mensch ist nur Mensch, weil er sich mit anderen vergleicht, sagt Kant. Und viele Ausweichmöglichkeiten hat man wahrlich nicht, wenn man nicht als Einsiedler den Into the Wild- Lifestyle leben will. 

Um mich herum oszilliert das Leben und alle meine Freunde haben den Sprung von der Jugend in die Adoleszenz erfolgreich gemeistert und treiben mich damit in den Wahnsinn. 

Das Erfolgsmodell ‚Ich trinke die ganze Nacht Schnaps bis ich mein Handy auf der Tanzfläche verliere und mein Portemonnaie an der Bar liegen lasse‘ der frühen Zwanziger verjüngt sich langsam aber sicher immer mehr Richtung Put a ring on it und Umstandskleidung. Und so geschmackvoll wie sich das Beyonce vorstellt, ist das, bei Licht betrachtet, bei weitem nicht.

 Ist man in meinem Freundeskreis nicht der Typ für Reihenhaus und Babyschwimmen, bleibt ja Gottseidank noch die Option des freischaffenden Künstlerseins, das in meiner Altersklasse auch recht erfolgsvorsprechend zu sein scheint. 

Das Verfassen von Bestsellern, die politische Karriere in der breiten Mitte oder gar das Musizieren auf handelsüblichen Zupfinstrumenten scheint derzeit wirklich hoch im Kurs zu stehen und machen wir uns nichts vor: In diesen Tagen braucht man nur ein bisschen Glück und das langweiligste Katzenvideo geht innerhalb kürzester Zeit viral durch die Decke und macht den stolzen Haustierbesitzer zum Klickmillionär. 

Es gibt also in unserer digitalen Hypergesellschaft jede Menge Möglichkeiten, um sich den amerikanischen Traum in seine schick eingerichtete Zwei-Zimmer- Wohnung im Friedrichshain zu holen und wenn sie nicht gestorben sind, dann netzwerken sie noch heute.

Für mich besteht jedoch die wahre Schönheit des Alltags darin den Mangel an Motivation, finanziellen Mitteln und großen Visionen zu bewundern. Ich bin das beste Beispiel dafür, dass Eltern sich mal entspannt zurücklehnen können, anstatt fingernägelkauend ihre Kontoauszüge zu beweinen, immer mit der Angst im Nacken, dass aus der guterzogenen Brut trotz überteuerter Schulbildung ein zu bedauernder Sozialfall wird, den man vor den Nachbarn verheimlichen muss. 
Denn selbst wenn aus mir nicht das wird, was ich als kleines Mädchen flüsternd in mein Kopfkissen gewünscht habe, bin ich immer noch schön anzusehen. 

Ich bin das glühende Gegenbeispiel in einer Welt voller Wetteifer und Vitamin B12- Mangel. Es reicht mir völlig nach der Arbeit nachhause zu kommen und den Laptop aufzuklappen. Solche Menschen muss es schließlich auch geben. Ich bin das Gegengewicht zur Panikmache. Ich bin der Anker des Partykreuzfahrtschiffs. Ich vermiese Helikoptereltern den Tag. Das mache ich nicht aus Versehen. Es demonstriert Stärke und vermittelt Schwachen die Sicherheit, die sie brauchen, um weiterzumachen. Das Nichtproduktivsein ist die einzige Waffe, die jeder Mensch in sich trägt. Die wichtigste Frage ist: Was soll denn schon passieren? Genau, nix. 

Es passiert wirklich nichts, wenn ich nicht den Aufstieg vom Tellerwäscher zum Millionär schaffe, bevor ich Dreißig bin und es wird mich sicher auch nicht schmerzen, wenn ich bis dahin noch nicht verheiratet bin. Also siehe: Fürchte dich nicht! 


Das ist mein Geschenk an die Gesellschaft. Ich feiere ihr Scheitern jeden Tag und ich bin stolz drauf. Sie wird mir noch dankbar sein. 

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